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Freitag, 20. November 2015

9 Die Veränderung des Ichs

9 Die Veränderung des Ichs

In Kapitel 1.3 wurde die Frage formuliert: (F3) Wie kann sich das Ich im Laufe des Lebens verändern?

Das Ich ist eine Semiose. Es ist ein Interpretationsprozess. Dieser nimmt in der menschlichen Physis seinen Anfang und durchdringt dann seine Psyche und wird dann bewusst. Der erste Punkt, an dem Veränderungen auftreten können, ist also der Körper. Wenn sich der Körper verändert, kann sich auch das Ich verändern. Die Veränderung des Ichs ist bei einer körperlichen Veränderung nicht zwangsläufig. Es kann sein, dass der veränderte Körper als Synonym des vorhergehenden Körpers verstanden wird. Damit wäre die Interpretation des veränderten Körpers identisch mit der Interpretation des vorhergehenden Körpers.

Ist der Körper in einem Stadium kleiner Veränderungen, bzw. kann man seinen Körper als temporär statisch1 betrachten, kann es auch zu Veränderungen des Ichs kommen. Wenn das moi in seiner Normativität bewusst wird und das je zu handeln beginnt, verändert sich das Ich als Ganzes – Verhaltensgewohnheiten können sich ändern, die Einstellung zum Leben und alle kleinen Steinchen des Mosaiks, das die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen, können ausgetauscht werden.

Die Frage, wie sich das Ich ändern kann, ist leicht zu beantworten. Die eigentlich interessante Frage ist, wieso es den Menschen so vorkommt, als sei das Ich stabil2. Drei Teilfragen ergeben sich daraus: 1. Wieso erscheint einem selbst das eigene Ich als stabil? 2. Warum erscheint einem das Ich eines anderen als stabil? 3. Wie kann ein Ich stabil sein, wenn alle Teilchen des Körpers ausgetauscht wurden? Diesen Fragen widmen wir uns nun.

9.1 Wieso erscheint einem selbst das eigene Ich als stabil?

Ich bin Ich – das erkannte schon das Fabelwesen in dem gleichnamigen Kinderbuch. Es hatte diese Einsicht dadurch, dass es festgestellt hat, dass es auf der Ebene seiner Physis nicht identisch mit anderen Lebewesen (als Gattungen) ist. Durch die Einsicht in die Subjektivität seiner Physis entstand ein Ich-Gefühl.

Was genau bedeutet es, dass das Ich stabil ist? Ein Ich ist stabil, wenn es innere Kohärenz aufweist. Was ist mit Kohärenz gemeint? Kohärenz ist hier nicht die Freiheit von logischen Widersprüchen:

Indeed, in light of both general human logical fallibility and more specific problems such as the paradox of the preface (pertaining to the case in which an author prefaces a complocated discussion by saying that he is sure that some of the claims in it are false), it seems a mistake to view logical consistency as even a necessary condition for the degree of coherence. (Bonjour/ Sosa 2003: 46f.)

Mehr ist hier mit Kohärenz das gemeint, was die wittgenstein'sche Familienähnlichkeit ausmacht: „Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.“ (PU 66). So ist auch A zu ¬A kohärent, auch wenn sie im logischen Widerspruch stehen. Sie drücken zwei (sehr verschiedene) Aspekte des gleichen Gegenstandes aus. Um Wittgensteins Metapher der Familienähnlichkeit zu benutzen: A und ¬A sind wie zwei entfernte Verwandte, deren Charaktere gegensätzlich sind – aber sie gehören zur selben Familie.

Zur Verdeutlichung möchte ich ein Beispiel aus der Literatur heranziehen. In F. Wedekinds Werk „Frühlings Erwachen“ werden unter anderem zwei Charaktere dargestellt: Die Protagonistin Wendla und ihre Mutter Frau Bergmann. Wendla hat eine Nacht mit dem Protagonisten Melchior verbracht und ist darauf hin schwanger geworden. Wendla weiß nicht, wie Kinder entstehen, noch überhaupt, was mit ihr geschehen ist, da ihre Mutter Wendla nie aufgeklärt hat: aus der Unfähigkeit heraus mit ihrer Tochter zu sprechen. In einem Dialog sagt Wendla einen der zentralen Sätze des Werks: „O Mutter, warum hast du mir nicht alles gesagt?“ (Wedekind 2002: 74). Der Zusammenhang zwischen Wendla und ihrer Mutter ist wie die Kohärenz zwischen A und ¬A. Prinzipiell ist dieser Schritt auch bei Hegel vollzogen, wenn er Antithese auf These folgen lässt.

Beziehen wir das zurück auf den ursprünglichen Gedanken: Der bewusste Interpretationszustand muss kohärent zum Zustand sein, der im bewussten Interpretationszustand metarepräsentiert wird, ihm also voran geht. Er muss nicht kohärent sein zum vorhergehenden Zustand. Beispiel: Wir gehen von der Interpretationskette eines Erwachsenen aus, dessen Leib-Ich statisch ist: je – moi – je1 – moi1. Hierbei wird das je im moi metarepräsentiert. Das moi wird im je1 metarepräsentiert. Das je1 wird im moi1 metarepräsentiert. Das je muss kohärent zum moi sein. Das moi muss kohärent zum je1 sein. Das je1 muss kohärent zum moi1 sein. Das je muss nicht kohärent zum je1 sein. Das moi muss nicht kohärent zum moi1 sein. Des Weiteren muss das je nicht inkohärent zum je1 sein, genau wie moi zum moi1.Wieso ist das so?
Daddesio führt in seiner Interpretation der Schriften von Peirce einen interessanten Gedanken ein: „Peirce was faced with the problem of any thinker who seeks to set forth a radically new view of the world: the only vocabulary that could be used to articulate this new view was that of the old framework“ (Daddesio 1994: 30).

Ich möchte diesen Gedanken in mehreren Dimensionen abstrahieren. Zunächst möchte ich ihn von der peirce'schen Lehre abstrahieren und verallgemeinern. Dann möchte ich den Gedanken von seiner sprachlichen Dimension abstrahieren und generell auf Zeichen beziehen. Abschließend möchte ich von der „Sicht auf die Welt“ abstrahieren und verallgemeinern. Daraus ergibt sich: Jeder, der einen radikal neuen Zustand etablieren will, muss dafür die Zeichen des alten Zustands benutzen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Erlernen einer Fremdsprache: Wenn ich eine Fremdsprache lernen möchte, dann muss ich das in einer mir bekannten Sprache machen, da ich sonst keinerlei Zugang zur neuen Sprache finde. Die Sprache, die ich schon kann, vermittelt zwischen mir und der neuen Sprache – somit ist es eine triadische Relation.

Was sind die Konsequenzen radikaler Veränderung? Einerseits muss eingestanden werden, dass radikale Veränderung nicht möglich ist. Sie wird zum Mythos – genau wie der Mythos des radikalen Neuanfangs in Deutschland nach 1945. Diesen radikalen Neuanfang hat es nie gegeben, da Strukturen aufrecht erhalten wurden. So wurden zum Beispiel Hochschullehrer, die vor 1945 parteitreu waren, nach Kriegsende weiter beschäftigt.

Andererseits hat ein verlangter radikaler Neuanfang ebenso radikale Folgen. So schreibt der polnische Dichter Czesław Miłosz: „Współczesnemu człowiekowi, który zapomina o tym, jak nędzny jest w porównaniu z tym, czym może być człowiek – odmawiam prawa do mierzenia przeszłości i przyszłości własną miarą3” (Miłosz 2009: 24).

Was Miłosz damit meint, wenn er seinen Zeitgenossen das Recht auf ihr Urteil abspricht ist eine direkte Konsequenz aus einem geforderten, radikalen Neuanfang: Jede Kommunikation wird unmöglich, da die Wirklichkeit gesellschaftlich, bzw. kommunikativ konstruiert ist (vgl. Berger/ Luckmann 2012).

Die Kohärenz, die zwischen altem und proto-neuen Zustand herrscht, lässt sich wie beim Domino-Spiel verstehen. Wenn man einen neuen Dominostein legen möchte, dann muss eine Seite des Seitens die gleiche Anzahl an Augen haben wie der Stein, der schon liegt – mindestens auf einer Seite4.

Sobald ein Mensch sein Ich ausgebildet hat, ist sein Ich ein Zeichen. Dieses Zeichen steht nicht alleine da, es ist eingebettet in ein Zeichensystem. Zeichensysteme lassen sich in der Linguistik üblicherweise auf zwei Arten betrachten: synchron und diachron (saussure'sche Begriffe nach Busch/Stenschke 2008: 27). Wenn ein Zeichensystem synchron betrachtet wird, dann betrachtet man es zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn ein Zeichensystem diachron betrachtet wird, dann betrachtet man seine historische Entwicklung und den Wandel von der Bedeutung der Zeichen.

Die Interpretation eines Ichs geschieht nicht nur kohärent zum vorhergehenden Interpretationszustand, sondern auch kohärent zum restlichen Zeichensystem des Zeichenbenutzers. Das „Zeichensystem des Zeichenbenutzers“ ist gleichzusetzen mit der Innenwelt. Das Zeichensystem der Anderen ist gleichzusetzen mit der Umwelt.

Wenn das Ich neu interpretiert wird, dann geschieht dies mit den Zeichen, in denen das alte Ich interpretiert wurde. So entsteht Kohärenz zwischen den beiden Interpretationszuständen. Die Veränderung des Ichs vollzieht sich nur langsam, Schritt für Schritt. Radikale Brüche sind möglich, aber führen zu Ich-Störungen (s. Kapitel 8.5, Punkt iii).

Das Ich erscheint einem Selbst als stabil, wenn man es synchron betrachtet, weil es kohärent zur Umwelt und Innenwelt ist. Ähnliches sagt auch D. Kahneman: „Wenn Sie gefragt werden, woran Sie gerade denken, können Sie diese normalerweise beantworten. Sie glauben zu wissen, was in Ihrem Kopf vor sich geht – oftmals führt ein bewusster Gedanke in wohlgeordneter Weise zum nächsten“ (Kahneman 2012: 14).
Wenn die Entwicklung des Ichs diachron betrachtet wird, kann es sein, dass diese Entwicklung in sich kohärent ist. Es ist genau so gut möglich, dass Brüche in der Ich-Entwicklung vorliegen und das Ich zum Zeitpunkt T1 inkohärent zum Ich des Zeitpunkts T2 ist. Wahrscheinlich treten Inkohärenzen häufiger auf als sie wahrgenommen werden. Negativ konnotierte Erinnerungen werden vom Menschen jedoch verdrängt (s. ebd.: 173).

Die synchrone Betrachtungsweise liegt den Menschen näher. Menschen leben im Hier und Jetzt. Sie sinnieren nicht alltäglich über ihre eigene Entwicklung. Wenn das eigene Ich synchron betrachtet wird, so erscheint es stabil.

9.2 Warum erscheint einem das Ich eines Anderen stabil?

Es gibt Personen, von denen man sagt, dass sie Persönlichkeit oder Charakter haben. Diese alltagssprachliche Formulierung bedeutet nichts anderes, als die Wahrnehmung eines besonders stabilen Ich-Zuschreibung der anderen Person.

Das Ich des Anderen erscheint nicht immer stabil. Wir können Ich-Störungen beim Anderen wahrnehmen. Egal ob wir eine Störung wahrnehmen oder ein stabiles Ich – wir nehmen es wahr. Ob ein Ich uns stabil erscheint oder labil (also anfällig für Störungen), möchte ich Qualität des Ichs nennen, in Anlehnung an das, was unter Gestaltqualität verstanden wird:

Unter G e s t a l t q u a l i t ä t e n verstehen wir solche positive Vorstellungsinhalte, welche an das Vorhandensein von Vorstellungscomplexen im Bewusstsein gebunden sind, die ihrerseits aus von einander trennbaren (d. h. ohne einander vorstellbaren) Elementen bestehen. – Jene für das Vorhandensein der Gestaltqualitäten nothwendigen Vorstellungscomplexe wollen wir die G r u n d l a g e der Gestaltqualitäten nennen. (Ehrenfeldt 1890: 254f.)

Das bedeutet, unter Bezugnahme auf Bühlers zweites Axiom (vgl. Bühler 1978: 50), der Andere verhält sich so, dass wir ihm unterstellen, er habe ein stabiles Ich. Das Ich des Anderen wird kommuniziert. Dabei unterliegt es ebenso der Fallibilität der Kommunikation, wie alle anderen Kommunikationsprozesse auch. Beispiel: Es kann zu einer Ich-Störung kommen, wenn Menschen homosexuell sind, aber dies nicht einsehen wollen. Diese Menschen überkompensieren dann ihre eigene Angst vor der Homosexualität durch besonders geschlechtsspezifisches Verhalten. In der populären TV-Serie „Two and a half men“ gibt es dafür ein plakatives Beispiel. Der Hauptcharakter der Serie (Charlie Harper, gespielt von Charlie Sheen) hat eine Lebensgefährtin (Chelsea, gespielt von Jennifer Bini Taylor). Diese Lebensgefährtin hat einen Vater (Tom, gespielt von Stacy Keach). Der Vater fällt durch besonders rassistisches und homophobes Verhalten auf – bis sich herausstellt, dass dieses Verhalten nur eine Überkompensation seiner Liebe zu seinem afroamerikanischen Navy-Freund „Ed“ (John Amos) ist. Rassismus und Homophobie können hier als Symptome der Ich-Störung gesehen werden. Da man nur die Handlungen des Anderen sehen kann, interpretiert man diese und weil der Mensch dazu neigt Muster zu sehen (Gastalterkennung).

Wann erscheint uns das Ich des Anderen besonders stabil? Wenn wir davon überzeugt sind (oder überzeugt wurden), dass es besonders stabil ist und wir es als solches interpretieren.

9.3 Wie kann ein Ich stabil sein, wenn alle Teilchen des Körpers ausgetauscht wurden?

Unser Körper erneuert sich stetig. Zellen sterben ab und werden ersetzt. Wie kann man sagen, dass eine Person zum Zeitpunkt t1 identisch ist mit der selben Person zum Zeitpunkt t2, wenn kein Teilchen aus t1 in t2 vorhanden ist. Die Antwort lautet: Man kann auf keine Ich-Identität aufgrund von Körperidentität schließen.

Wenn der Körper einer Person zu den Zeitpunkten t1 und t2 identisch wäre, müsste das nicht heißen, dass auch das Ich zu den Zeitpunkten t1 und t2 identisch ist, da es Möglichkeiten der Veränderung des Ichs gibt, die nicht die Veränderung des Körpers benötigen. Wenn der Körper einer Person zu den Zeitpunkten t1 und t2 nicht identisch ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass auch das Ich sich verändert haben muss. Das Ich kann stabil sein, wenn der Körper zum Zeitpunkt t1 als Synonym zum Körper zum Zeitpunkt t2 verstanden wird.

Wie kann ein Ich stabil sein, wenn alle Teilchen des Körpers ausgetauscht wurden? Indem die Interpretation des Ichs sich nicht ändert.

9.4 Fazit

Im Mittelpunkt dieses Kapitels standen drei Teilfragen zum Thema, wie sich das Ich verändern könne. Die bis zu diesem Kapitel skizzierten Thesen legten die Flexibilität des Ichs nahe: Veränderungen waren möglich. Deshalb wurde die Frage umgekehrt: Wieso erscheint uns das Ich stabil?

Zunächst wurde die Frage behandelt, wieso das eigene Ich stabil erscheint. Die Antwort war, dass das eigene Ich stabil erscheint, da es nur synchron betrachtet wird und der aktuelle Zustand des Ichs immer kohärent zum vorhergehenden sein muss – es gibt keine radikalen Änderungen, die auf dem vorhergehenden aufbauen können.

Anschließend wurde die Frage behandelt, wieso das Ich des Anderen stabil erscheinen kann. Die Antwort darauf war, das Ich des Anderen ist eine Interpretation seiner Handlungen, die als Gestalt wahrgenommen werden.

Zuletzt wurde der Einwand antizipiert, dass das Ich nicht stabil sein kann, wenn alle Elemente des Körpers ausgetauscht würden.
1 Wenn ein Leib-Ich statisch ist, dann ist der Körper im Zustand S. Jeder Veränderung des Zustandes S zum Zustand S1 wird als Synonym zum Zustand S verstanden.
2 Mit „Stabil“ meine ich, dass es eine Ich-Zuschreibung ohne Probleme vorgenommen werden und eine Identität von sich mit sich festgestellt werden kann.
3 Miłosz spricht in seinem Text von 1953 die Nachkriegsgeneration in Polen an. Übersetzung: „Dir, zeitgenössischem Menschen, der es vergessen hat, wie elendig er im Vergleich dazu ist, was ein Mensch sein kann – dir spreche ich das Recht nach eigenem Ermessen über Vergangenheit und Zukunft zu urteilen ab.“
4 Man darf diese Metapher nicht überstrapazieren, da man sonst wieder bei einem strukturalistischem Bild ist.

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