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Freitag, 6. November 2015

8 Die Entstehung des Ichs

8 Die Entstehung des Ichs

Das Ich ist ein Zeichen des Denkens. Doch wie entsteht das Ich?

Eine erste mögliche Antwort lautet, dass das Ich angeboren ist. Das würde bedeuten, Menschen hätten ein in die Psyche eingebautes Bild von sich selbst. Das löst unser Problem jedoch nicht, sondern verschiebt es nur. Man müsste nämlich im nächsten Schritt fragen, woher das eingebaute Bild von sich selbst herkommt. Ein „Es-ist-einfach-da“ reicht als Antwort nicht aus.

Eine Alternative bestünde darin, die Fähigkeit ein Ich zu entwickeln sei erlernt. Die Praxis, man selbst zu sein, würde von Kindern beobachtet und imitiert werden. Jedoch liefert diese Alternative kein hinreichendes Antwortpotential, da es nicht erklären kann, wieso nicht alle Menschen identische Kopien voneinander sind.

Es muss also eine weitere Antwortmöglichkeit geben. Die Alternative, die hier vorgeschlagen wird ist, dass das Ich eine mehrstufige Semiose ist. Diese Semiose verläuft von einem Leib-Ich über ein handelndes Ich (je) hin zu einem normativen Ich (moi). Das soll im folgenden skizziert werden.

8.1 Die Unfähigkeit zur Intuition

Um eine hinreichende Antwort auf die Entstehung des Ichs zu liefern, muss man die frühkindliche Entstehung von Denkkategorien betrachten. Welche ist die erste Kategorie des Denkens? Die Antwort darauf ist: Es gibt keine erste. Ganz im Sinne des peirce'schen Ausspruchs: Jeder Anfang ist der Prozess des Beginnens.

Nach Peirce sind Menschen nicht fähig intuitiv zu denken. Die Bedeutung des Wortes unterscheidet sich vom alltagssprachlichen Gebrauch: „Throughout this paper, the term intuition will be taken as signifying a cognition not determined by a previous cognition of the same object, and therefore so determined by something out of the consciousness.“ (CP: 5.213). Intuition sei also ein Gedankenzeichen, dem kein Gedankenzeichen vorangeht – der mentale Stein des Anstoßes. Gibt so etwas? Peirce sagt:

In retracing our way from conclusions to premisses, or from determined cognitions to those which determine them, we finally reach, in all cases, a point beyond which the consciousness in the determined cognition is more lively than in the cognition which determines it. We have a less lively consciousness in the cognition which determines our cognition of the third dimension than in the latter cognition itself; a less lively consciousness in the cognition which determines our cognition of a continuous surface (without a blind spot) than in this latter cognition itself; and a less lively consciousness of the impressions which determine the sensation of tone than of that sensation itself. Indeed, when we get near enough to the external this is the universal rule. […] The point here insisted on is not this or that logical solution of the difficulty, but merely that cognition arises by a process of beginning, as any other change comes to pass. (CP: 5.263)

Zur Illustration dessen greifen wir auf ein Beispiel aus Kapitel 2.2 zurück, indem dargestellt wird, wie Chopins Klavierkonzert Nr. 1 von einer CD abgespielt wird. Die Frage in Kapitel 2.2 war, wie Komplexität aus Einfachheit entsteht. Eine andere Frage ist: Wo fängt die Komplexität an? Ist sie der Aneinanderreihung von 0en und 1en inhärent? Der Übergang von der Materialität der CD hin zum Wahrnehmungsurteil beim Hören der Musik ist ein Prozess des Beginnens, wie Peirce es meinte.

Das Chopin-Beispiel lässt sich auf die menschliche Ontogenese übertragen. Deshalb muss der erste Schritt der Entstehung des Ichs in der Körperlichkeit verortet werden. Wenn man die Entstehung des Ichs in der Ontogenese des Menschen beginnen lässt, so lässt sich plausiblerweise ein Zeitpunkt bestimmen, zu dem die Entwicklung oder die Möglichkeit dieser Entwicklung beginnt1.

8.2 Leib-Ich

Einen vielversprechenden Ansatzpunkt für die Verortung der Ich-Entwicklung in der Körperlichkeit liefert eine Arbeit aus der Forschungsgruppe für Kognitions- und Neurowissenschaft des Max-Planck-Instituts:

Aktuelle Forschung zeigt, dass insbesondere interne motorische Vorhersageprozesse an der automatischen Selbstzuschreibung von Ereignissen sowie dem subjektiven Erleben von Urheberschaft und Kontrolle über Handlungen beteiligt sind. Demnach können zentrale Aspekte unseres Selbst unmittelbar in unserem Körper verortet und als Begleitprodukt von Handlungen charakterisiert werden. (Schütz-Bosbach 2012)

Dieses „Leib-Ich“ darf nicht als vollwertiges Ich betrachtet werden. Was ein erwachsener Mensch mit „Ich“ meint, ist nicht auf die reine Physis zu reduzieren. Das Leib-Ich ist ein „minimal self“ (s. ebd.) oder Proto-Ich: Es ist das, was der Entstehung des eigentlich Ichs unmittelbar voraus geht. Schütz-Bosbach sagt weiter: „Unser Körper ist für uns allgegenwärtig und das wohl vertrauteste Objekt, mit dem wir buchstäblich „in Berührung“ kommen.“ (ebd.).

Der Aspekt der Berührung ist zentral für die These der Entstehung des Proto-Ichs. Ein Verhalten, welches besonders bei Kleinstkindern beobachtbar ist, ist das Befühlen der eigenen Körperteile. Kleinstkinder nehmen ihre Hände oder Füße in den Mund. Ganz so, als ob sie sich die Frage stellen würden: Bin das noch ich?

Das gegenteilige Verhalten legen Hunde und Katzen an den Tag: Sie jagen ihren eigenen Schweif und sind anschließend „überrascht“ über die Schmerzempfindung, welche sie haben, wenn sie ihren eigenen Schweif gefasst haben. Das alleine reicht nicht aus – die Tiere legen dieses Verhalten immer wieder an den Tag.

An dieser Stelle lohnt ein Vergleich mit den Schriften Bühlers, der in der „Krise der Psychologie“ folgende Abbildung eingeführt hat, an welche ich die Abbildung 6 angelehnt habe. Siehe Abbildung 6.


Dieses Modell beschreibt ein „lebendiges Wechselgespräch“ (Bühler 1978: 93). Die Ellipse A ist dabei eine Person, die die Sprecherrolle inne hat. Der Kreis S ist dabei eine Sendeeinheit, welche eine Sendung tätigt. Die Sendung verlässt die Person A und erreicht Person B durch das Zwischenmedium2. Die Person B nimmt die Sendung wahr, mittels der Empfängereinheit. In diesem Moment kann die Person B die Sprecherrolle einnehmen. Dieser Vorgang soll aber an dieser Stelle in den Hintergrund treten.

Was an dieser Stelle im Fokus stehen soll, ist die Selbstwahrnehmung. Wenn die Sendeeinheit des Sprechers aktiv ist, so nimmt die Empfängereinheit das wahr. Wenn man spricht, dann hört man sich selbst. Man überprüft, was man sagt, während man es sagt. Und diese Selbstwahrnehmung steht zeitlich vor der Fremdwahrnehmung. Abstrahiert man das Prinzip der Selbstwahrnehmung von der Sprechsituation, kann man es auf das Leib-Ich übertragen: Ich nehme meinen eigenen Körper an mir selbst wahr, bevor ich in Kontakt mit der Außenwelt kommen kann.

Daraus entstehen die ersten zwei Denkkategorien: Das Leib-Ich und das Nicht-Ich. Zum Leib-Ich gehört alles, was der eigene Körper ist. Was durch die Selbstwahrnehmung als nicht zum eigenen Körper gehörig identifiziert wird, gehört zum Nicht-Ich3. Das Leib-Ich zeichnet sich des Weiteren dadurch aus, dass Vorhersagen über zukünftige Handlungen besonders zuverlässig sind:

Aktuelle Studien der Forschungsgruppe Körperrepräsentation und Selbstkonzept am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften legen nahe, dass die Überwachung der unmittelbaren Signale des (aktiven) Körpers eine automatische Abgrenzung von anderen Personen und eine klare Zuschreibung von Urheberschaft für Handlungen ermöglicht. Hierfür ist offenbar ein Abgleich und eine Übereinstimmung zwischen tatsächlichen und vorhergesagten sensorischen Konsequenzen von eigenen Handlungen entscheidend. Durch eigene Bewegungen hervorgerufene beziehungsweise korrekt vorhergesagte sensorische Effekte werden durch Hemmung der entsprechenden Areale abgeschwächt. Man nennt diesen Vorgang sensorische Attenuierung. So werden selbstproduzierte Töne beispielsweise leiser wahrgenommen. (ebd.)

Die Pointe des Leib-Ich besteht darin, dass man es anders wahrnimmt als das Nicht-Ich. Aus dem Leib-Ich entwickeln sich alle Kategorien der Psyche. Aus dem Nicht-Ich entwickeln sich die Kategorien der Außenwelt.

Das Leib-Ich lässt sich als triadische Relation darstellen. Das Objekt ist der Körper. Das Repräsentamen ist die Selbstwahrnehmung. Der Interpretant sind die Abläufe im Hirn, die passieren, wenn man seinen Körper wahrnimmt; oder: Neuronale Aktivität. Das Ergebnis ist Abbildung 7.


8.3 Vom Leib-Ich zum je

Wir halten also fest: Das Ich ist in der Physis des Menschen verankert. Die erste Phase der Ich-Entwicklung ist das Leib-Ich. Jetzt gilt es zu erklären, wie das Leib-Ich zum Me übergeht.

Der menschliche Körper ist einem ständigen Wandel unterzogen. Er entwickelt sich im Mutterleib, kommt zur Welt und entwickelt sich in einem rasanten Tempo weiter. Dieses Tempo nimmt mit der Zeit ab, doch bleibt die ständige Veränderung bestehen. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welchen ich nicht genauer bestimmen möchte, nennt man es Entwicklung. Danach nennt man diese Veränderungen „altern“.

Wann in dieser Entwicklung entsteht das Leib-Ich? Einen genauen Zeitpunkt zu nennen, ist nicht möglich – denn der Anfang die Entwicklung des Leib-Ichs ist ein Prozess des Beginnens. Es gibt jedoch Zäsuren in der Kindesentwicklung, die beachtenswert sind.

Die erste dieser Zäsuren ist die Befruchtung der Eizelle. Zu diesen Zeitpunkt ist plausiblerweise der Beginn der Entwicklung des Kindes zu setzen. Dann, ungefähr ab dem vierten Schwangerschaftsmonat, nimmt das Kind seinen Daumen in den Mund. Gleichzeitig ist es der Tastsinn, der sich als erstes, vom der Region des Mundes her, ausbildet. Das Ungeborene nimmt also wahr, dass es etwas im Mund hat. Ebenfalls hört der Fötus auch, z. B. Die Stimme der Mutter, Musik etc. Es ist möglich, dass sich das Leib-Ich in diesem Moment anfängt auszubilden.

Die nächste Zäsur ist die Geburt, deren Datum jedoch als kontingent angesehen werden muss, was zwei Gründe hat. Erstens können Ungeborene prinzipiell auch vor dem natürlichen Ende der Schwangerschaft (9 Monate) außerhalb des Mutterleibs überleben. Zweitens sind Menschen physiologische Frühgeburten (vgl. Portmann 1969). Wenn man so will, ist ein Proto-Leib-Ich angeboren – natürlich nur in dem Sinne, dass es vor der Geburt schon in der Psyche des Kindes angelegt ist.

Von einem ersten, vollwertigen Leib-Ich kann spätestens dann gesprochen werden, wenn das Kind in das Spiegelstadium tritt (vgl. Lacan 1986), zum Beispiel den Rouge-Test besteht. Das bedeutet, dass das Kind seinen Körper als sich selbst erkennt: „Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung.“ (ebd.: 64).

Zum Spiegelstadium gibt es vier mögliche Interpretationen:

  1. Das Kind hat noch kein Ich ausgebildet – das Spiegelstadium hätte also keine Bedeutung. Diese Interpretation halte ich für falsch, da sich etwas im Verhalten des Kindes geändert hat. Es erkennt sich nun.
  2. Das Kind erkennt sich schon als moi. Diese Interpretation ist möglich, wirft jedoch weitere Fragen auf: Wie ist die Entwicklung vom Leib-Ich zum je zum moi so schnell passiert? Und vor allem wie? Diese Interpretation hat keinen Mehrwert, was ihre Erklärungsleistung angeht.
  3. Das Kind erkennt sich als je. Diese Interpretation ist generell richtig. Die Entwicklung des Leib-Ichs ist abgeschlossen, sobald das Kind anfängt sein je auszubilden – die Frage, die sich stellt ist hier, ob das Leib-Ich bewusst ist. Wenn das Leib-Ich bewusst ist, dann ist es im je metarepräsentiert (vgl. Higher Order Theorie).
  4. Das Kind hat ein Leib-Ich ausgebildet, welches noch nicht bewusst ist. Diese Interpretation bringt uns am weitesten: das Erkennen des eigenen Körpers ist nicht zuvor bewusst, sondern wird es im Prozess des Erkennens. Der Rouge-Test selbst kann ein möglicher Übergang vom Leib-Ich zum je sein.

Natürlich machen nicht alle Kinder diesen Test und es gab in der Menschheitsgeschichte nicht immer Spiegel. Man darf sich aber nicht zu sehr an den Wortlaut des Spiegelstadiums klammern. Ein ähnlicher Indikator wäre, wann das Kind anfängt, Adaptoren zu benutzen:

Adaptoren sind Bewegungen, die anfänglich gelernt wurden, um selbstbezogene oder körperbezogene Bedürfnisse zu befriedigen; um bestimmte Körperaktionen auszuführen; um Emotionen zu kontrollieren; um prototypische interpersonale Kontakte zu entwickeln oder aufrechtzuerhalten oder um instrumentelle Aktivitäten zu erlernen. (Ekman/ Friesen 1984: 115).

Der Rouge-Test besteht im Endeffekt nur daraus, ob ein Kind einen Adaptor zeigt oder nicht – ob es den eigenen Kopf berührt oder das Spiegelbild.

Sobald die Adaption des eigenen Körpers beginnt, ist das Leib-Ich bewusst. Der Übergang die erste Adaption des Körpers. Damit wäre das Kind zum ersten Mal (unbewusst) je – der Körper (besser: meine Physis) ist erstmalig das Objekt des Erkennens, es ist im je metarepräsentiert.

Kleinkinder sprechen von sich selbst manchmal in der dritten Person. Dieses Verhalten kann man auf die Metarepräsentation des Körpers im je zurückführen, da sie ihren Körper als Objekt sehen, also auch begreifen, dass das, was andere sehen, der Körper ist – wie Sartre sagte „der Körper-für-Andere“: „Mein Körper wird vom Anderen benutzt und erkannt: das ist seine zweite Dimension. Aber insofern ich für den Anderen bin, enthüllt sich mir der Andre als das Subjekt, für das ich Objekt bin.“ (Sartre 2012: 619). Und der erste andere, für den ich bin, bin ich selbst. Ich bin das Subjekt und bin für mich das Objekt.

8.4 Vom je zum moi

Das je beginnt, wenn das Leib-Ich bewusst ist. Sobald man den eigenen Körper verändert, weil man sich dessen gewahr ist, dass es der eigene Körper ist, beginnt die Interpretation eines handelnden Ich – dem je. Wenn man dabei ist sich, selbst als je zu interpretieren, ist ein Leib-Ich fertig. Man weiß, wie der eigene Körper auszusehen hat. Deshalb entfernt man beim Rouge-Test die Farbe vom eigenen Gesicht.

Das je ist das handelnde Ich. Das moi ist ein normatives Ich. Der Übergang vom je zum moi liegt in den Handlungen. Handlungen haben Konsequenzen. Die Interpretation des Ichs auf der Stufe des je hat viel damit zu tun abzuschätzen, welche Konsequenzen meine Handlungen haben. Wenn ich eine Handlung ausführen und eine bestimmte Konsequenz dieser Handlung auslösen will, nennt man das Intention.

Kinder haben Intentionen. Häufig sind sie nicht in der Lage, diese Intentionen adäquat zu kommunizieren und die Eltern müssen häufig raten, was das Kind meint. Das geht in der Regel soweit, dass Kinder und Eltern eine „Privatsprache“ entwickeln. Das Kind bezeichnet Gegenstände mit den ihm möglichen Mitteln und die Eltern interpretieren das Gesagte mit maximaler Benevolenz.

Sobald das Kind mit Menschen in Kontakt tritt, die diese „Privatsprache“ nicht beherrschen, hat es ein Problem. Es merkt, dass es nicht das einzige Subjekt auf der Welt ist. Äußere Einflüsse bekommen den Charakter von Widerständen – es entsteht eine Umwelt für das Kind. Diese Umwelt muss mit der Innenwelt des Kindes in Einklang gebracht werden. Das passiert im Geist des Kindes – oder besser: in seiner Psyche.

Der Moment des äußeren Widerstandes, also der Moment, in dem das Kind merkt, dass andere Personen auch Subjekte sind, ist der Moment, in dem das je zum moi übergeht. Dem Kind ist nun bewusst, dass es selbst ein handelndes Subjekt ist. Es orientiert sich unbewusst an seiner Umwelt, versucht diese seiner Innenwelt anzupassen und vice versa.

8.5 Quo vadis, moi?

Mit dem Erreichen des Ichs als moi ist der Interpretationsprozess nicht abgeschlossen. Der Interpretationsprozess ist erst abgeschlossen, wenn der finale Interpretant erreicht ist. Auf globaler Ebene ist das das Ende der Welt – auf individueller Ebene ist es der Tod des Individuums. Die Interpretation des Ichs geht ständig voran. Aber was kommt nach dem moi?

Es gibt dabei logisch fünf Alternativen, die alle in Frage kommen:

  1. Zurück zum Körper: Durch körperliche Veränderungen beginnt der Interpretationsprozess vor dem Hintergrund des moi von Neuem. Das passiert bei starken körperlichen Veränderungen, zum Beispiel im Wachstum oder der Pubertät. Das kann zu Verwirrung führen, ist aber kein inhärent problematischer Vorgang.
  2. Zurück zum Ich: Das moi wird in seiner Normativität erkannt und man handelt. Entweder verändert man die Welt oder sich selbst. Da die Veränderung der Welt meist keine ernstzunehmende Handlungsoption ist, verändern sich die Menschen. Der Prozess der Semiose wird bewusst. Eine Persönlichkeit bildet sich.
  3. Abspaltung: Das Ich wird in seiner Ganzheit abgespalten und ein neuer Interpretationsprozess angefangen. Die ursprüngliche Interpretationskette wird abgebrochen. Das führt zu schizophrenem Verhalten oder dissoziativer Persönlichkeitsstörung.
  4. Unendliche Abdrift4 des Normativen. Die Interpretation bleibt im moi und geht immer weiter – wenn die Interpretation des moi sich verdoppelt, dann nimmt die Umwelt die Rolle des Repräsentamens ein. Je weiter das geht, desto tiefer wird die Normativität der Umwelt zum Charakter des moi. Statt eine eigene Persönlichkeit auszubilden, imitiert die Person Umwelt. Das ist zunächst nicht als Störung anzusehen, kann aber zu einer werden, wenn der Schritt zum je nicht gemacht wird. Als ein Beispiel dafür kann die „Anorexia nervosa“ (s. Nikolaus 2008) angesehen werden.
  5. Unendliche Abdrift des Ichs. Die Interpretation des Ichs wird so intensiv und zentral, dass sich die Ich-Störung ausbildet, welche als Narzissmus bekannt ist5.
8.6 Zehn Zeichenklassen und das Ich

Als letztes soll versucht werden, eine Verbindung zwischen der Semiose des Ichs, deren verschiedene Erscheinungsformen und den zehn Zeichenklassen nach Peirce geschaffen werden.

Im Kapitel 6.2 wurden die zehn Zeichenklassen skizziert und eine vorläufige Skalierung dieser zwischen den Polen „Physis“ und „Psyche“ wurde vorgenommen. So ist ein Qualisign generell eher in die Richtung des physischen Pols zu klassifizieren, ein Argument eher in die Richtung des psychischen Pols.

Bezogen auf die Erscheinungsformen des Ichs kann man also sagen, dass das Leib-Ich eher in Richtung Qualisign einzuordnen ist – aber es ist kein Qualisign, welches nur eine logische Möglichkeit ist. Das Leib-Ich hingegen ist ein reales Zeichen. Das gesamte Ich, das als Prozess bewusst wird, ist in die Richtung Argument ein zuordnen. Ob es wirklich ein Argument ist, bleibt zu beantworten. Ebenso müsste man je und moi zwischen diesen beiden Polen einordnen. Welchen Zeichenklassen die Zeichen des Ichs angehören, muss analysiert werden, es würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

8.7 Fazit

Fassen wir das achte Kapitel zusammen: In diesem Kapitel wurde die Entstehung des Ichs untersucht. Das Ich ist nicht angeboren, sondern ein Prozess der Interpretation. Man kann nicht genau sagen, wo dieser Prozess beginnt, da der Mensch nicht in der Lage ist einen Gedanken ohne vorhergehenden Gedanken zu denken. Die erste Entstehung des Ichs wurde in der Physis des Menschen verankert: das Leib-Ich. Sobald das Leib-Ich bewusst ist, setzt die Interpretation des handelnden Ichs (je) ein. Sobald das handelnde Ich merkt, dass andere Menschen auch Subjekte sind, tritt das normative Ich (moi) in Kraft. Damit ist (F2): „Wie entsteht das Ich?“ beantwortet. Im letzten Schritt sollten die Ichzustände den peirce'schen Zeichenklassen zugeordnet werden, was den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

1 Ob es nun der Zeitpunkt der Befruchtung ist oder der Big Bang, spielt für diese Ausarbeitung keine größere Rolle, sollte aber bei Gelegenheit untersucht werden.
2 Die unregelmäßige Schraffierung des Zwischenmediums ist einer technischen Ungenauigkeit geschuldet und hat keine Bedeutung.
3 Eine interessante Ausnahme ist die Mutter bzw. die das Kind stillende Frau. Diese wird im ersten Schritt in das Leib-Ich eingebaut, weil die eigene Körperwahrnehumg (Hunger) durch das Stillen modifiziert wird und deshalb das Kind kein Unterschied zwischen Mutter und sich selbst machen kann. Wenn ich Hunger habe, dann schreie ich. Wenn ich schreie, dann nehme ich einen Körper wahr, der meinen Hunger stillt. Was sich hier zeigt ist auch, dass Gegenstände nicht fest in den Kategorien sind, sondern auch die Kategorien wechseln können.
4 Der Begriff „unendliche Abdrift“ ist von Eco entlehnt. Dieser bedeutet, dass Interpretationen ohne Beschränkung „wuchern“. Eco selbst spricht von der hermetischen Abdrift: „Als Hauptmerkmal der hermetischen Abdrift erschien uns die unkontrollierte Fähigkeit, von Bedeutung zu Bedeutung, von Ähnlichkeit zu Ähnlichkeit, von einem Zusammenhang zu einem anderen weiterzugleiten.“ (Eco 2004: 426).
5 Eine genauere Untersuchung des modernen Narzissmus würde viele Strukturen der modernen Gesellschaft freilegen. So bemerkt U. Nuber zurecht: „In unserer Zeit ist narzisstisches Verhalten fast unvermeidlich. Narzissten, selbstbezogen und rücksichtslos, sind in der Wirtschaft gefragt.“ (Nuber 2010: 23). So würde eine Analyse des zeitgenössischen Narzissmus auch die krampfhafte Sehnsucht nach Authentizität beantworten.

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