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Freitag, 27. November 2015

10 Resümee und Schlussfolgerungen + Anhang

10 Resümee und Schlussfolgerungen

Wir haben also vom „Ich“ gesprochen. Und dabei haben wir ein bricolage geschaffen: Viele Einzelteile wurden in Kohärenz zueinander gebracht, um ein Phänomen zu erklären. Nun soll unsere Bastelei (samt ihrer Ergebnisse) noch einmal präsentiert werden.

Der erste Teil dieser Arbeit ist eine kurze Analyse zeitgenössischer Wissenschaftler. Resümieren wir deren Relevanz für diese Arbeit.

Das populärphilosophische Werk R. D. Prechts wird als erstes betrachtet. Precht steht hierbei exemplarisch für die quasi-omnipräsente Negation eines Ichs seitens behavioristisch geprägter Thesen. Die Kritik am Werk „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele“ dient außerdem zur Verdeutlichung, dass die Philosophie mit dem Hammer vielleicht im Falle Nietzsches gut gegangen ist (auch hier scheiden sich die Geister) – normale Philosophen sich jedoch weiter des Skalpells bedienen sollten.

Die amerikanisch anmutende Art, eine Krawallthese zu formulieren und dann Stück für Stück zurück zu rudern, mag dafür geeignet sein, Denkanstöße zu liefern und steht dabei in bester aufklärerischer Tradition zum kantischen „Sapere aude!“, taugt für die Ziele dieser Arbeit hingegen nichts.
Im Anschluss an Precht wurde das ebenfalls klassische und gleichzeitig kontroverse Werk R. Dawkins analysiert. Dawkins – der spätestens seit seinem „The God Dellusion“ als enfant terrible der scientific community in den USA bekannt ist – scheut sich auch im Werk „Das egoistische Gen“ nicht davor Thesen zu formulieren, die auf den ersten Blick mehr als nur kontraintuitiv sind. Die Kritik an diesem Werk sollte verdeutlichen, wie radikal Behaviorismus sein kann, um im Endeffekt doch mentale Kategorien in seine Thesen einzuführen: Man sieht Schritt für Schritt, wie Ockhams Rasiermesser Dawkins ins eigene Fleisch schneidet.

Man könnte natürlich sagen, Dawkins Thesen ergäben sich aus seiner Definition von Egoismus, die eben diesen als nicht-mentale Kategorie darstellt. Das ist legitim, rettet Dawkins Thesen aber nicht, da seine Definition von Egoismus soweit entfernt von der Alltagssprache ist, dass seine Ergebnisse gar kontrafaktisch sind. Und muss man nicht in einem wittgenstein'schem Sinne die Alltagssprache als letzte Metasprache als Lot für eigene Definitionen nehmen?

Nichtsdestoweniger ist Dawkins ein großartiger Beobachter und einige seiner Beobachtungen bilden die Realität in sehr erhellender Weise ab. Für die Zwecke dieser Arbeit sollte besonders seine Beobachtung, dass das Hirn eine vermittelnde Rolle inne hat, wichtig sein. Explizit wurde dies als E1 formuliert:

(E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant.

Diese Erkenntnis spielt in den späteren Kapiteln eine zentrale Rolle, da die neuronale Aktivität als Repräsentamen interpretiert wird. Neuronale Aktivität findet im Hirn statt.

Die Analyse und Kritik der Thesen von T. Metzinger hatte zwei Stoßrichtungen. Sie sollte einerseits zeigen, dass ein geisteswissenschaftlicher Ansatz sich nicht an seinen eigenen Annahmen verschlucken darf (Strukturalismus). Andererseits soll sie zeigen, dass der Versuch, eine Geistesphilosophie ohne Ich aufzubauen, darin endet, dass das Ich nur ersetzt wird.

Genau so tut es Metzinger, der behauptet, dass es kein Ich gibt und es in seinen Thesen einfach durch den „Ego-Tunnel“ ersetzt, der im Endeffekt identisch mit einem Ich ist. Deshalb handelt es sich auch im Falle von Metzinger nur im eine laute Krawallthese, die jeglicher Pointe entbehrt.

Das soll nicht heißen, dass das ganze Werk Metzingers für die Katz ist. Im Gegenteil: Metzinger nimmt in beispiellos furchtloser Art jeden Einwand, sei er im Kern noch so esoterisch, ernst und versucht Tatbestände wissenschaftlich zu untersuchen, die andere Wissenschaftler im Vorfeld einfach ignorieren würden.

Neben dieser Einstellung, auch Alltagsbeobachtungen und -interpretationen wissenschaftlich zu betrachten, wurden zwei weitere Erkenntnisse aus Metzingers Thesen abgeleitet:

(E2) Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt.

(E3) Die Praxis verändert unsere Gehirne, welche unsere Wahrnehmungsurteile verändern.

Mit markierten Fallgruben, galt es einen Weg der Erklärung für das Phänomen des Ich zu finden, die die aufgezeigten Fehler umgeht, aber mindestens ebensolches, wenn nicht größeres Erklärungspotential in sich birgt. Dieser Weg soll der Weg der Kognitionssemiotik sein.

Da die Kognitionssemiotik noch in ihren Kinderschuhen steckt, galt es zunächst zu zeigen, was diese überhaupt ist. Dafür wurde ein semiotisches Fundament aus den Theorien von Peirce und Eco gegossen, um darauf mit Hilfe von Daddesio und Thagard eine Kognitionssemiotik aufzubauen. Um in der Metapher zu bleiben: Die Kognitionssemiotik ist hier kaum ein Rohbau und hat noch viele Schwachstellen.

Die Semiotik, wie sie hier verstanden wird, bezieht sich auf das peirce'sche Zeichenmodell, welches nicht dem Diktum „aliquid stat pro aliquo“ oder einer strukturalistischen Perspektive unterliegt. Ein Zeichen ist eine triadische Relation von Objekt, Repräsentamen und Interpretant. Den Prozess, in dem Zeichen durch Abduktionen entstehen, nennt man Semiose.

Der Kern dieser Arbeit ist: Das Ich ist ein Semioseprozess, der in mehrere Zeichen zerlegbar ist. Diese Zeichen sind: das Leib-Ich, das je und das moi. Das Leib-Ich ist die erste Stufe der Ich-Entwicklung, was sich schon in der Ontogenese entwickelt. Das je ist das handelnde Ich, welches den eigenen Körper manipuliert. Das moi ist das normative Ich, welches Einflüsse der Umwelt in das Ich integriert. Sobald ein Leib-Ich ausgebildet ist, treten das je und moi in Wechselwirkung.

Wenn man die Ich-Entwicklung so interpretiert, dann lasst sich erklären, wieso das Ich nichts ist, was ein Mensch erwirbt und dann hat, sondern ein dynamisches Phänomen, was sich stetig ändert – es erscheint uns nur als kontinuierliche, stabile und kohärente Identität von sich mit sich selbst. Genau diese Dynamik ist der Schlüssel zur Erklärung, wie das Ich falsche Abzweigungen nehmen kann.

Abzweigungen ist in dem Kontext eine treffende Bezeichnung. Es wäre zu Darstellungszwecken interessant, das Ich als Baumdiagramm zu zeichnen. Das Ich kann prinzipiell jeden Zustand annehmen, der mit dem aktuellen Zustand des Ich, kohärent ist. Das würde eine graphische Darstellung verkomplizieren.Eine solche Darstellung könnte die geistige Entwicklung eines Menschen aufzeigen und zu Analysezwecken verwendet werden.

Der nächste Schritt in der Untersuchung wäre, ein Ich in den Begriffen der hier skizzierten Theorie zu analysieren. Das wäre mit den Mitteln der qualitativen Sozialforschung und/ oder Psychoanalyse möglich. Sollte sich ein Ich in seinem Entstehungsprozess bis hin zu seinem aktuellen Zustand erschöpfend darstellen lassen, dann hätte man ein effektives Werkzeug zur Feststellung von Ichstörungen. Vielleicht könnten Ichstörungen sogar besser differenziert werden.

11 Anhang


11.1 Literaturverzeichnis

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