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Freitag, 27. November 2015

10 Resümee und Schlussfolgerungen + Anhang

10 Resümee und Schlussfolgerungen

Wir haben also vom „Ich“ gesprochen. Und dabei haben wir ein bricolage geschaffen: Viele Einzelteile wurden in Kohärenz zueinander gebracht, um ein Phänomen zu erklären. Nun soll unsere Bastelei (samt ihrer Ergebnisse) noch einmal präsentiert werden.

Der erste Teil dieser Arbeit ist eine kurze Analyse zeitgenössischer Wissenschaftler. Resümieren wir deren Relevanz für diese Arbeit.

Das populärphilosophische Werk R. D. Prechts wird als erstes betrachtet. Precht steht hierbei exemplarisch für die quasi-omnipräsente Negation eines Ichs seitens behavioristisch geprägter Thesen. Die Kritik am Werk „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele“ dient außerdem zur Verdeutlichung, dass die Philosophie mit dem Hammer vielleicht im Falle Nietzsches gut gegangen ist (auch hier scheiden sich die Geister) – normale Philosophen sich jedoch weiter des Skalpells bedienen sollten.

Die amerikanisch anmutende Art, eine Krawallthese zu formulieren und dann Stück für Stück zurück zu rudern, mag dafür geeignet sein, Denkanstöße zu liefern und steht dabei in bester aufklärerischer Tradition zum kantischen „Sapere aude!“, taugt für die Ziele dieser Arbeit hingegen nichts.
Im Anschluss an Precht wurde das ebenfalls klassische und gleichzeitig kontroverse Werk R. Dawkins analysiert. Dawkins – der spätestens seit seinem „The God Dellusion“ als enfant terrible der scientific community in den USA bekannt ist – scheut sich auch im Werk „Das egoistische Gen“ nicht davor Thesen zu formulieren, die auf den ersten Blick mehr als nur kontraintuitiv sind. Die Kritik an diesem Werk sollte verdeutlichen, wie radikal Behaviorismus sein kann, um im Endeffekt doch mentale Kategorien in seine Thesen einzuführen: Man sieht Schritt für Schritt, wie Ockhams Rasiermesser Dawkins ins eigene Fleisch schneidet.

Man könnte natürlich sagen, Dawkins Thesen ergäben sich aus seiner Definition von Egoismus, die eben diesen als nicht-mentale Kategorie darstellt. Das ist legitim, rettet Dawkins Thesen aber nicht, da seine Definition von Egoismus soweit entfernt von der Alltagssprache ist, dass seine Ergebnisse gar kontrafaktisch sind. Und muss man nicht in einem wittgenstein'schem Sinne die Alltagssprache als letzte Metasprache als Lot für eigene Definitionen nehmen?

Nichtsdestoweniger ist Dawkins ein großartiger Beobachter und einige seiner Beobachtungen bilden die Realität in sehr erhellender Weise ab. Für die Zwecke dieser Arbeit sollte besonders seine Beobachtung, dass das Hirn eine vermittelnde Rolle inne hat, wichtig sein. Explizit wurde dies als E1 formuliert:

(E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant.

Diese Erkenntnis spielt in den späteren Kapiteln eine zentrale Rolle, da die neuronale Aktivität als Repräsentamen interpretiert wird. Neuronale Aktivität findet im Hirn statt.

Die Analyse und Kritik der Thesen von T. Metzinger hatte zwei Stoßrichtungen. Sie sollte einerseits zeigen, dass ein geisteswissenschaftlicher Ansatz sich nicht an seinen eigenen Annahmen verschlucken darf (Strukturalismus). Andererseits soll sie zeigen, dass der Versuch, eine Geistesphilosophie ohne Ich aufzubauen, darin endet, dass das Ich nur ersetzt wird.

Genau so tut es Metzinger, der behauptet, dass es kein Ich gibt und es in seinen Thesen einfach durch den „Ego-Tunnel“ ersetzt, der im Endeffekt identisch mit einem Ich ist. Deshalb handelt es sich auch im Falle von Metzinger nur im eine laute Krawallthese, die jeglicher Pointe entbehrt.

Das soll nicht heißen, dass das ganze Werk Metzingers für die Katz ist. Im Gegenteil: Metzinger nimmt in beispiellos furchtloser Art jeden Einwand, sei er im Kern noch so esoterisch, ernst und versucht Tatbestände wissenschaftlich zu untersuchen, die andere Wissenschaftler im Vorfeld einfach ignorieren würden.

Neben dieser Einstellung, auch Alltagsbeobachtungen und -interpretationen wissenschaftlich zu betrachten, wurden zwei weitere Erkenntnisse aus Metzingers Thesen abgeleitet:

(E2) Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt.

(E3) Die Praxis verändert unsere Gehirne, welche unsere Wahrnehmungsurteile verändern.

Mit markierten Fallgruben, galt es einen Weg der Erklärung für das Phänomen des Ich zu finden, die die aufgezeigten Fehler umgeht, aber mindestens ebensolches, wenn nicht größeres Erklärungspotential in sich birgt. Dieser Weg soll der Weg der Kognitionssemiotik sein.

Da die Kognitionssemiotik noch in ihren Kinderschuhen steckt, galt es zunächst zu zeigen, was diese überhaupt ist. Dafür wurde ein semiotisches Fundament aus den Theorien von Peirce und Eco gegossen, um darauf mit Hilfe von Daddesio und Thagard eine Kognitionssemiotik aufzubauen. Um in der Metapher zu bleiben: Die Kognitionssemiotik ist hier kaum ein Rohbau und hat noch viele Schwachstellen.

Die Semiotik, wie sie hier verstanden wird, bezieht sich auf das peirce'sche Zeichenmodell, welches nicht dem Diktum „aliquid stat pro aliquo“ oder einer strukturalistischen Perspektive unterliegt. Ein Zeichen ist eine triadische Relation von Objekt, Repräsentamen und Interpretant. Den Prozess, in dem Zeichen durch Abduktionen entstehen, nennt man Semiose.

Der Kern dieser Arbeit ist: Das Ich ist ein Semioseprozess, der in mehrere Zeichen zerlegbar ist. Diese Zeichen sind: das Leib-Ich, das je und das moi. Das Leib-Ich ist die erste Stufe der Ich-Entwicklung, was sich schon in der Ontogenese entwickelt. Das je ist das handelnde Ich, welches den eigenen Körper manipuliert. Das moi ist das normative Ich, welches Einflüsse der Umwelt in das Ich integriert. Sobald ein Leib-Ich ausgebildet ist, treten das je und moi in Wechselwirkung.

Wenn man die Ich-Entwicklung so interpretiert, dann lasst sich erklären, wieso das Ich nichts ist, was ein Mensch erwirbt und dann hat, sondern ein dynamisches Phänomen, was sich stetig ändert – es erscheint uns nur als kontinuierliche, stabile und kohärente Identität von sich mit sich selbst. Genau diese Dynamik ist der Schlüssel zur Erklärung, wie das Ich falsche Abzweigungen nehmen kann.

Abzweigungen ist in dem Kontext eine treffende Bezeichnung. Es wäre zu Darstellungszwecken interessant, das Ich als Baumdiagramm zu zeichnen. Das Ich kann prinzipiell jeden Zustand annehmen, der mit dem aktuellen Zustand des Ich, kohärent ist. Das würde eine graphische Darstellung verkomplizieren.Eine solche Darstellung könnte die geistige Entwicklung eines Menschen aufzeigen und zu Analysezwecken verwendet werden.

Der nächste Schritt in der Untersuchung wäre, ein Ich in den Begriffen der hier skizzierten Theorie zu analysieren. Das wäre mit den Mitteln der qualitativen Sozialforschung und/ oder Psychoanalyse möglich. Sollte sich ein Ich in seinem Entstehungsprozess bis hin zu seinem aktuellen Zustand erschöpfend darstellen lassen, dann hätte man ein effektives Werkzeug zur Feststellung von Ichstörungen. Vielleicht könnten Ichstörungen sogar besser differenziert werden.

11 Anhang


11.1 Literaturverzeichnis

Beckermann, Ansgar: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. 3. Aufl.. Berlin, New York: Walter de Gruyter, 2008.

Berger, P.; Luckmann, T.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. 24. Aufl.. Frankfurt a. M.: Fischer, 2012.

Bonjour, L.; Sosa, E.: Epistemic Justification: Internalism vs Externalism, Foundations vs. Virtues. Malden, Oxford, Melbourne, Berlin: Blackwell Publishing, 2003.

Busch, A.; Stenschke, O.: Germanistische Linguistik. 2. Aufl.. Tübingen: Gunter Narr, 2008.

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Bühler, Karl: Sprachtheorie. Ungekürzter Neudr. d. Ausg. Jena: Fischer, 1934. 3. Aufl.. Stuttgart: Lucius und Lucius, 1999.

Daddesio, T. C.: On Minds and Symbols: The Relevance for Cognitive Science for Semiotics. Berlin, New York: Mouton de Gruyter, 1994.

Dawkins, R.: Das egoistische Gen. Jubiläumsausgabe 2007 – Unveränderter Nachdruck 2010. Heidelberg: Sprektrum, 2010.

Derrida, J.: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In: Engelmann, P.: Postmoderne und Dekonstruktion. Nachdruck der Version von 1990. Ditzingen, Reclam: 2007

Eco, U.: Die Grenzen der Interpretation. 3. Aufl.. München: dtv, 2004.

Ehrenfeldt, C.: Ueber „Gestaltqualitaten“. In: Avenarius, R.; Heinze, M.; Wundt, W.: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie. Vierzehnter Jahrgang. Leipzig: Reisland, 1890.

Eschbach, A; Eschbach, N.: Bausteine der Kommunikationswissenschaft. Würzburg: Könighausen & Neumann: 2011.

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      2. http://ubumexico.centro.org.mx/sound/foucault_michel/berkeley/Michel_Foucault-The_Culture_Of_The_Self_2-3-Uc_Berkley_Lectures-April.19.1983.mp3
      3. http://ubumexico.centro.org.mx/sound/foucault_michel/berkeley/Michel_Foucault-The_Culture_Of_The_Self_3-3-Uc_Berkley_Lectures-April.19.1983.mp3

Gabriel, G.: Grundprobleme der Erkenntnistheorie: Von Descartes zu Wittgenstein. 3. Aufl.. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2008.

Hawking, S.; Mlodinow, L.: Der Grosse Entwurf: Eine Neue Erklärung Des Universums. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 2011.

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Kahneman, D.: Schnelles Denken, Langsames Denken. 17. Aufl.. München: Siedler, 2012.

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Nuber, U.: Narzissmus. Warum es immer mehr schwierige Menschen gibt – und wie man mit ihnen umgeht. In: Psychologie Heute. 37. Jahrgang. Heft 9. Landsberg: Beltz, 2010.

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Pinker, S.: Der Sprachinstinkt. Wie der Geist die Sprache bildet. München: Kindler, 1996.

Portmann, A.: Zoologie und das neue Bild vom Menschen. Reinbeck bei Hamburg: Ro- wohlt, 1956

Precht, R. D.: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. 32. Aufl.. München: Wilhelm Goldmann, 2007.

Sartre, J.: Das Sein und das Nichts: Versuch einer phänomenologischen Ontologie. 17. Aufl.. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 2012.

Schütz-Bosbach, S.: Mein Körper und ich: Wie durch körperliche Erfahrungen Ich Bewusstsein entsteht. Online-Publikation. Leipzig: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, 2012. URL: http://www.mpg.de/4693919/Koerper_Ich-Bewusstsein?c=5732343 [Eingesehen am 10.04.2013].

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Thagard, P.: Cognitive Science. Online-Publikation. Stanford, 2010. In: Zalta, E. N. (Hrsg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2012 Edition). URL: http://plato.stanford.edu/archives/fall2012/entries/cognitive-science [Eingesehen am 15.04.2013].

Ungeheuer, G.: Sprache und Kommunikation. 3. Aufl.. Münster: Nodus, 2004.

Van Inwagen, P.: An essay on free will. 2. Aufl.. Oxford: Clarendon Press, 1986.

Wedekind, F.: Frühlings Erwachen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2002.

Wittgenstein, L.: Werkausgabe Band I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1999





















Freitag, 20. November 2015

9 Die Veränderung des Ichs

9 Die Veränderung des Ichs

In Kapitel 1.3 wurde die Frage formuliert: (F3) Wie kann sich das Ich im Laufe des Lebens verändern?

Das Ich ist eine Semiose. Es ist ein Interpretationsprozess. Dieser nimmt in der menschlichen Physis seinen Anfang und durchdringt dann seine Psyche und wird dann bewusst. Der erste Punkt, an dem Veränderungen auftreten können, ist also der Körper. Wenn sich der Körper verändert, kann sich auch das Ich verändern. Die Veränderung des Ichs ist bei einer körperlichen Veränderung nicht zwangsläufig. Es kann sein, dass der veränderte Körper als Synonym des vorhergehenden Körpers verstanden wird. Damit wäre die Interpretation des veränderten Körpers identisch mit der Interpretation des vorhergehenden Körpers.

Ist der Körper in einem Stadium kleiner Veränderungen, bzw. kann man seinen Körper als temporär statisch1 betrachten, kann es auch zu Veränderungen des Ichs kommen. Wenn das moi in seiner Normativität bewusst wird und das je zu handeln beginnt, verändert sich das Ich als Ganzes – Verhaltensgewohnheiten können sich ändern, die Einstellung zum Leben und alle kleinen Steinchen des Mosaiks, das die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen, können ausgetauscht werden.

Die Frage, wie sich das Ich ändern kann, ist leicht zu beantworten. Die eigentlich interessante Frage ist, wieso es den Menschen so vorkommt, als sei das Ich stabil2. Drei Teilfragen ergeben sich daraus: 1. Wieso erscheint einem selbst das eigene Ich als stabil? 2. Warum erscheint einem das Ich eines anderen als stabil? 3. Wie kann ein Ich stabil sein, wenn alle Teilchen des Körpers ausgetauscht wurden? Diesen Fragen widmen wir uns nun.

9.1 Wieso erscheint einem selbst das eigene Ich als stabil?

Ich bin Ich – das erkannte schon das Fabelwesen in dem gleichnamigen Kinderbuch. Es hatte diese Einsicht dadurch, dass es festgestellt hat, dass es auf der Ebene seiner Physis nicht identisch mit anderen Lebewesen (als Gattungen) ist. Durch die Einsicht in die Subjektivität seiner Physis entstand ein Ich-Gefühl.

Was genau bedeutet es, dass das Ich stabil ist? Ein Ich ist stabil, wenn es innere Kohärenz aufweist. Was ist mit Kohärenz gemeint? Kohärenz ist hier nicht die Freiheit von logischen Widersprüchen:

Indeed, in light of both general human logical fallibility and more specific problems such as the paradox of the preface (pertaining to the case in which an author prefaces a complocated discussion by saying that he is sure that some of the claims in it are false), it seems a mistake to view logical consistency as even a necessary condition for the degree of coherence. (Bonjour/ Sosa 2003: 46f.)

Mehr ist hier mit Kohärenz das gemeint, was die wittgenstein'sche Familienähnlichkeit ausmacht: „Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.“ (PU 66). So ist auch A zu ¬A kohärent, auch wenn sie im logischen Widerspruch stehen. Sie drücken zwei (sehr verschiedene) Aspekte des gleichen Gegenstandes aus. Um Wittgensteins Metapher der Familienähnlichkeit zu benutzen: A und ¬A sind wie zwei entfernte Verwandte, deren Charaktere gegensätzlich sind – aber sie gehören zur selben Familie.

Zur Verdeutlichung möchte ich ein Beispiel aus der Literatur heranziehen. In F. Wedekinds Werk „Frühlings Erwachen“ werden unter anderem zwei Charaktere dargestellt: Die Protagonistin Wendla und ihre Mutter Frau Bergmann. Wendla hat eine Nacht mit dem Protagonisten Melchior verbracht und ist darauf hin schwanger geworden. Wendla weiß nicht, wie Kinder entstehen, noch überhaupt, was mit ihr geschehen ist, da ihre Mutter Wendla nie aufgeklärt hat: aus der Unfähigkeit heraus mit ihrer Tochter zu sprechen. In einem Dialog sagt Wendla einen der zentralen Sätze des Werks: „O Mutter, warum hast du mir nicht alles gesagt?“ (Wedekind 2002: 74). Der Zusammenhang zwischen Wendla und ihrer Mutter ist wie die Kohärenz zwischen A und ¬A. Prinzipiell ist dieser Schritt auch bei Hegel vollzogen, wenn er Antithese auf These folgen lässt.

Beziehen wir das zurück auf den ursprünglichen Gedanken: Der bewusste Interpretationszustand muss kohärent zum Zustand sein, der im bewussten Interpretationszustand metarepräsentiert wird, ihm also voran geht. Er muss nicht kohärent sein zum vorhergehenden Zustand. Beispiel: Wir gehen von der Interpretationskette eines Erwachsenen aus, dessen Leib-Ich statisch ist: je – moi – je1 – moi1. Hierbei wird das je im moi metarepräsentiert. Das moi wird im je1 metarepräsentiert. Das je1 wird im moi1 metarepräsentiert. Das je muss kohärent zum moi sein. Das moi muss kohärent zum je1 sein. Das je1 muss kohärent zum moi1 sein. Das je muss nicht kohärent zum je1 sein. Das moi muss nicht kohärent zum moi1 sein. Des Weiteren muss das je nicht inkohärent zum je1 sein, genau wie moi zum moi1.Wieso ist das so?
Daddesio führt in seiner Interpretation der Schriften von Peirce einen interessanten Gedanken ein: „Peirce was faced with the problem of any thinker who seeks to set forth a radically new view of the world: the only vocabulary that could be used to articulate this new view was that of the old framework“ (Daddesio 1994: 30).

Ich möchte diesen Gedanken in mehreren Dimensionen abstrahieren. Zunächst möchte ich ihn von der peirce'schen Lehre abstrahieren und verallgemeinern. Dann möchte ich den Gedanken von seiner sprachlichen Dimension abstrahieren und generell auf Zeichen beziehen. Abschließend möchte ich von der „Sicht auf die Welt“ abstrahieren und verallgemeinern. Daraus ergibt sich: Jeder, der einen radikal neuen Zustand etablieren will, muss dafür die Zeichen des alten Zustands benutzen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Erlernen einer Fremdsprache: Wenn ich eine Fremdsprache lernen möchte, dann muss ich das in einer mir bekannten Sprache machen, da ich sonst keinerlei Zugang zur neuen Sprache finde. Die Sprache, die ich schon kann, vermittelt zwischen mir und der neuen Sprache – somit ist es eine triadische Relation.

Was sind die Konsequenzen radikaler Veränderung? Einerseits muss eingestanden werden, dass radikale Veränderung nicht möglich ist. Sie wird zum Mythos – genau wie der Mythos des radikalen Neuanfangs in Deutschland nach 1945. Diesen radikalen Neuanfang hat es nie gegeben, da Strukturen aufrecht erhalten wurden. So wurden zum Beispiel Hochschullehrer, die vor 1945 parteitreu waren, nach Kriegsende weiter beschäftigt.

Andererseits hat ein verlangter radikaler Neuanfang ebenso radikale Folgen. So schreibt der polnische Dichter Czesław Miłosz: „Współczesnemu człowiekowi, który zapomina o tym, jak nędzny jest w porównaniu z tym, czym może być człowiek – odmawiam prawa do mierzenia przeszłości i przyszłości własną miarą3” (Miłosz 2009: 24).

Was Miłosz damit meint, wenn er seinen Zeitgenossen das Recht auf ihr Urteil abspricht ist eine direkte Konsequenz aus einem geforderten, radikalen Neuanfang: Jede Kommunikation wird unmöglich, da die Wirklichkeit gesellschaftlich, bzw. kommunikativ konstruiert ist (vgl. Berger/ Luckmann 2012).

Die Kohärenz, die zwischen altem und proto-neuen Zustand herrscht, lässt sich wie beim Domino-Spiel verstehen. Wenn man einen neuen Dominostein legen möchte, dann muss eine Seite des Seitens die gleiche Anzahl an Augen haben wie der Stein, der schon liegt – mindestens auf einer Seite4.

Sobald ein Mensch sein Ich ausgebildet hat, ist sein Ich ein Zeichen. Dieses Zeichen steht nicht alleine da, es ist eingebettet in ein Zeichensystem. Zeichensysteme lassen sich in der Linguistik üblicherweise auf zwei Arten betrachten: synchron und diachron (saussure'sche Begriffe nach Busch/Stenschke 2008: 27). Wenn ein Zeichensystem synchron betrachtet wird, dann betrachtet man es zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn ein Zeichensystem diachron betrachtet wird, dann betrachtet man seine historische Entwicklung und den Wandel von der Bedeutung der Zeichen.

Die Interpretation eines Ichs geschieht nicht nur kohärent zum vorhergehenden Interpretationszustand, sondern auch kohärent zum restlichen Zeichensystem des Zeichenbenutzers. Das „Zeichensystem des Zeichenbenutzers“ ist gleichzusetzen mit der Innenwelt. Das Zeichensystem der Anderen ist gleichzusetzen mit der Umwelt.

Wenn das Ich neu interpretiert wird, dann geschieht dies mit den Zeichen, in denen das alte Ich interpretiert wurde. So entsteht Kohärenz zwischen den beiden Interpretationszuständen. Die Veränderung des Ichs vollzieht sich nur langsam, Schritt für Schritt. Radikale Brüche sind möglich, aber führen zu Ich-Störungen (s. Kapitel 8.5, Punkt iii).

Das Ich erscheint einem Selbst als stabil, wenn man es synchron betrachtet, weil es kohärent zur Umwelt und Innenwelt ist. Ähnliches sagt auch D. Kahneman: „Wenn Sie gefragt werden, woran Sie gerade denken, können Sie diese normalerweise beantworten. Sie glauben zu wissen, was in Ihrem Kopf vor sich geht – oftmals führt ein bewusster Gedanke in wohlgeordneter Weise zum nächsten“ (Kahneman 2012: 14).
Wenn die Entwicklung des Ichs diachron betrachtet wird, kann es sein, dass diese Entwicklung in sich kohärent ist. Es ist genau so gut möglich, dass Brüche in der Ich-Entwicklung vorliegen und das Ich zum Zeitpunkt T1 inkohärent zum Ich des Zeitpunkts T2 ist. Wahrscheinlich treten Inkohärenzen häufiger auf als sie wahrgenommen werden. Negativ konnotierte Erinnerungen werden vom Menschen jedoch verdrängt (s. ebd.: 173).

Die synchrone Betrachtungsweise liegt den Menschen näher. Menschen leben im Hier und Jetzt. Sie sinnieren nicht alltäglich über ihre eigene Entwicklung. Wenn das eigene Ich synchron betrachtet wird, so erscheint es stabil.

9.2 Warum erscheint einem das Ich eines Anderen stabil?

Es gibt Personen, von denen man sagt, dass sie Persönlichkeit oder Charakter haben. Diese alltagssprachliche Formulierung bedeutet nichts anderes, als die Wahrnehmung eines besonders stabilen Ich-Zuschreibung der anderen Person.

Das Ich des Anderen erscheint nicht immer stabil. Wir können Ich-Störungen beim Anderen wahrnehmen. Egal ob wir eine Störung wahrnehmen oder ein stabiles Ich – wir nehmen es wahr. Ob ein Ich uns stabil erscheint oder labil (also anfällig für Störungen), möchte ich Qualität des Ichs nennen, in Anlehnung an das, was unter Gestaltqualität verstanden wird:

Unter G e s t a l t q u a l i t ä t e n verstehen wir solche positive Vorstellungsinhalte, welche an das Vorhandensein von Vorstellungscomplexen im Bewusstsein gebunden sind, die ihrerseits aus von einander trennbaren (d. h. ohne einander vorstellbaren) Elementen bestehen. – Jene für das Vorhandensein der Gestaltqualitäten nothwendigen Vorstellungscomplexe wollen wir die G r u n d l a g e der Gestaltqualitäten nennen. (Ehrenfeldt 1890: 254f.)

Das bedeutet, unter Bezugnahme auf Bühlers zweites Axiom (vgl. Bühler 1978: 50), der Andere verhält sich so, dass wir ihm unterstellen, er habe ein stabiles Ich. Das Ich des Anderen wird kommuniziert. Dabei unterliegt es ebenso der Fallibilität der Kommunikation, wie alle anderen Kommunikationsprozesse auch. Beispiel: Es kann zu einer Ich-Störung kommen, wenn Menschen homosexuell sind, aber dies nicht einsehen wollen. Diese Menschen überkompensieren dann ihre eigene Angst vor der Homosexualität durch besonders geschlechtsspezifisches Verhalten. In der populären TV-Serie „Two and a half men“ gibt es dafür ein plakatives Beispiel. Der Hauptcharakter der Serie (Charlie Harper, gespielt von Charlie Sheen) hat eine Lebensgefährtin (Chelsea, gespielt von Jennifer Bini Taylor). Diese Lebensgefährtin hat einen Vater (Tom, gespielt von Stacy Keach). Der Vater fällt durch besonders rassistisches und homophobes Verhalten auf – bis sich herausstellt, dass dieses Verhalten nur eine Überkompensation seiner Liebe zu seinem afroamerikanischen Navy-Freund „Ed“ (John Amos) ist. Rassismus und Homophobie können hier als Symptome der Ich-Störung gesehen werden. Da man nur die Handlungen des Anderen sehen kann, interpretiert man diese und weil der Mensch dazu neigt Muster zu sehen (Gastalterkennung).

Wann erscheint uns das Ich des Anderen besonders stabil? Wenn wir davon überzeugt sind (oder überzeugt wurden), dass es besonders stabil ist und wir es als solches interpretieren.

9.3 Wie kann ein Ich stabil sein, wenn alle Teilchen des Körpers ausgetauscht wurden?

Unser Körper erneuert sich stetig. Zellen sterben ab und werden ersetzt. Wie kann man sagen, dass eine Person zum Zeitpunkt t1 identisch ist mit der selben Person zum Zeitpunkt t2, wenn kein Teilchen aus t1 in t2 vorhanden ist. Die Antwort lautet: Man kann auf keine Ich-Identität aufgrund von Körperidentität schließen.

Wenn der Körper einer Person zu den Zeitpunkten t1 und t2 identisch wäre, müsste das nicht heißen, dass auch das Ich zu den Zeitpunkten t1 und t2 identisch ist, da es Möglichkeiten der Veränderung des Ichs gibt, die nicht die Veränderung des Körpers benötigen. Wenn der Körper einer Person zu den Zeitpunkten t1 und t2 nicht identisch ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass auch das Ich sich verändert haben muss. Das Ich kann stabil sein, wenn der Körper zum Zeitpunkt t1 als Synonym zum Körper zum Zeitpunkt t2 verstanden wird.

Wie kann ein Ich stabil sein, wenn alle Teilchen des Körpers ausgetauscht wurden? Indem die Interpretation des Ichs sich nicht ändert.

9.4 Fazit

Im Mittelpunkt dieses Kapitels standen drei Teilfragen zum Thema, wie sich das Ich verändern könne. Die bis zu diesem Kapitel skizzierten Thesen legten die Flexibilität des Ichs nahe: Veränderungen waren möglich. Deshalb wurde die Frage umgekehrt: Wieso erscheint uns das Ich stabil?

Zunächst wurde die Frage behandelt, wieso das eigene Ich stabil erscheint. Die Antwort war, dass das eigene Ich stabil erscheint, da es nur synchron betrachtet wird und der aktuelle Zustand des Ichs immer kohärent zum vorhergehenden sein muss – es gibt keine radikalen Änderungen, die auf dem vorhergehenden aufbauen können.

Anschließend wurde die Frage behandelt, wieso das Ich des Anderen stabil erscheinen kann. Die Antwort darauf war, das Ich des Anderen ist eine Interpretation seiner Handlungen, die als Gestalt wahrgenommen werden.

Zuletzt wurde der Einwand antizipiert, dass das Ich nicht stabil sein kann, wenn alle Elemente des Körpers ausgetauscht würden.
1 Wenn ein Leib-Ich statisch ist, dann ist der Körper im Zustand S. Jeder Veränderung des Zustandes S zum Zustand S1 wird als Synonym zum Zustand S verstanden.
2 Mit „Stabil“ meine ich, dass es eine Ich-Zuschreibung ohne Probleme vorgenommen werden und eine Identität von sich mit sich festgestellt werden kann.
3 Miłosz spricht in seinem Text von 1953 die Nachkriegsgeneration in Polen an. Übersetzung: „Dir, zeitgenössischem Menschen, der es vergessen hat, wie elendig er im Vergleich dazu ist, was ein Mensch sein kann – dir spreche ich das Recht nach eigenem Ermessen über Vergangenheit und Zukunft zu urteilen ab.“
4 Man darf diese Metapher nicht überstrapazieren, da man sonst wieder bei einem strukturalistischem Bild ist.

Freitag, 6. November 2015

8 Die Entstehung des Ichs

8 Die Entstehung des Ichs

Das Ich ist ein Zeichen des Denkens. Doch wie entsteht das Ich?

Eine erste mögliche Antwort lautet, dass das Ich angeboren ist. Das würde bedeuten, Menschen hätten ein in die Psyche eingebautes Bild von sich selbst. Das löst unser Problem jedoch nicht, sondern verschiebt es nur. Man müsste nämlich im nächsten Schritt fragen, woher das eingebaute Bild von sich selbst herkommt. Ein „Es-ist-einfach-da“ reicht als Antwort nicht aus.

Eine Alternative bestünde darin, die Fähigkeit ein Ich zu entwickeln sei erlernt. Die Praxis, man selbst zu sein, würde von Kindern beobachtet und imitiert werden. Jedoch liefert diese Alternative kein hinreichendes Antwortpotential, da es nicht erklären kann, wieso nicht alle Menschen identische Kopien voneinander sind.

Es muss also eine weitere Antwortmöglichkeit geben. Die Alternative, die hier vorgeschlagen wird ist, dass das Ich eine mehrstufige Semiose ist. Diese Semiose verläuft von einem Leib-Ich über ein handelndes Ich (je) hin zu einem normativen Ich (moi). Das soll im folgenden skizziert werden.

8.1 Die Unfähigkeit zur Intuition

Um eine hinreichende Antwort auf die Entstehung des Ichs zu liefern, muss man die frühkindliche Entstehung von Denkkategorien betrachten. Welche ist die erste Kategorie des Denkens? Die Antwort darauf ist: Es gibt keine erste. Ganz im Sinne des peirce'schen Ausspruchs: Jeder Anfang ist der Prozess des Beginnens.

Nach Peirce sind Menschen nicht fähig intuitiv zu denken. Die Bedeutung des Wortes unterscheidet sich vom alltagssprachlichen Gebrauch: „Throughout this paper, the term intuition will be taken as signifying a cognition not determined by a previous cognition of the same object, and therefore so determined by something out of the consciousness.“ (CP: 5.213). Intuition sei also ein Gedankenzeichen, dem kein Gedankenzeichen vorangeht – der mentale Stein des Anstoßes. Gibt so etwas? Peirce sagt:

In retracing our way from conclusions to premisses, or from determined cognitions to those which determine them, we finally reach, in all cases, a point beyond which the consciousness in the determined cognition is more lively than in the cognition which determines it. We have a less lively consciousness in the cognition which determines our cognition of the third dimension than in the latter cognition itself; a less lively consciousness in the cognition which determines our cognition of a continuous surface (without a blind spot) than in this latter cognition itself; and a less lively consciousness of the impressions which determine the sensation of tone than of that sensation itself. Indeed, when we get near enough to the external this is the universal rule. […] The point here insisted on is not this or that logical solution of the difficulty, but merely that cognition arises by a process of beginning, as any other change comes to pass. (CP: 5.263)

Zur Illustration dessen greifen wir auf ein Beispiel aus Kapitel 2.2 zurück, indem dargestellt wird, wie Chopins Klavierkonzert Nr. 1 von einer CD abgespielt wird. Die Frage in Kapitel 2.2 war, wie Komplexität aus Einfachheit entsteht. Eine andere Frage ist: Wo fängt die Komplexität an? Ist sie der Aneinanderreihung von 0en und 1en inhärent? Der Übergang von der Materialität der CD hin zum Wahrnehmungsurteil beim Hören der Musik ist ein Prozess des Beginnens, wie Peirce es meinte.

Das Chopin-Beispiel lässt sich auf die menschliche Ontogenese übertragen. Deshalb muss der erste Schritt der Entstehung des Ichs in der Körperlichkeit verortet werden. Wenn man die Entstehung des Ichs in der Ontogenese des Menschen beginnen lässt, so lässt sich plausiblerweise ein Zeitpunkt bestimmen, zu dem die Entwicklung oder die Möglichkeit dieser Entwicklung beginnt1.

8.2 Leib-Ich

Einen vielversprechenden Ansatzpunkt für die Verortung der Ich-Entwicklung in der Körperlichkeit liefert eine Arbeit aus der Forschungsgruppe für Kognitions- und Neurowissenschaft des Max-Planck-Instituts:

Aktuelle Forschung zeigt, dass insbesondere interne motorische Vorhersageprozesse an der automatischen Selbstzuschreibung von Ereignissen sowie dem subjektiven Erleben von Urheberschaft und Kontrolle über Handlungen beteiligt sind. Demnach können zentrale Aspekte unseres Selbst unmittelbar in unserem Körper verortet und als Begleitprodukt von Handlungen charakterisiert werden. (Schütz-Bosbach 2012)

Dieses „Leib-Ich“ darf nicht als vollwertiges Ich betrachtet werden. Was ein erwachsener Mensch mit „Ich“ meint, ist nicht auf die reine Physis zu reduzieren. Das Leib-Ich ist ein „minimal self“ (s. ebd.) oder Proto-Ich: Es ist das, was der Entstehung des eigentlich Ichs unmittelbar voraus geht. Schütz-Bosbach sagt weiter: „Unser Körper ist für uns allgegenwärtig und das wohl vertrauteste Objekt, mit dem wir buchstäblich „in Berührung“ kommen.“ (ebd.).

Der Aspekt der Berührung ist zentral für die These der Entstehung des Proto-Ichs. Ein Verhalten, welches besonders bei Kleinstkindern beobachtbar ist, ist das Befühlen der eigenen Körperteile. Kleinstkinder nehmen ihre Hände oder Füße in den Mund. Ganz so, als ob sie sich die Frage stellen würden: Bin das noch ich?

Das gegenteilige Verhalten legen Hunde und Katzen an den Tag: Sie jagen ihren eigenen Schweif und sind anschließend „überrascht“ über die Schmerzempfindung, welche sie haben, wenn sie ihren eigenen Schweif gefasst haben. Das alleine reicht nicht aus – die Tiere legen dieses Verhalten immer wieder an den Tag.

An dieser Stelle lohnt ein Vergleich mit den Schriften Bühlers, der in der „Krise der Psychologie“ folgende Abbildung eingeführt hat, an welche ich die Abbildung 6 angelehnt habe. Siehe Abbildung 6.


Dieses Modell beschreibt ein „lebendiges Wechselgespräch“ (Bühler 1978: 93). Die Ellipse A ist dabei eine Person, die die Sprecherrolle inne hat. Der Kreis S ist dabei eine Sendeeinheit, welche eine Sendung tätigt. Die Sendung verlässt die Person A und erreicht Person B durch das Zwischenmedium2. Die Person B nimmt die Sendung wahr, mittels der Empfängereinheit. In diesem Moment kann die Person B die Sprecherrolle einnehmen. Dieser Vorgang soll aber an dieser Stelle in den Hintergrund treten.

Was an dieser Stelle im Fokus stehen soll, ist die Selbstwahrnehmung. Wenn die Sendeeinheit des Sprechers aktiv ist, so nimmt die Empfängereinheit das wahr. Wenn man spricht, dann hört man sich selbst. Man überprüft, was man sagt, während man es sagt. Und diese Selbstwahrnehmung steht zeitlich vor der Fremdwahrnehmung. Abstrahiert man das Prinzip der Selbstwahrnehmung von der Sprechsituation, kann man es auf das Leib-Ich übertragen: Ich nehme meinen eigenen Körper an mir selbst wahr, bevor ich in Kontakt mit der Außenwelt kommen kann.

Daraus entstehen die ersten zwei Denkkategorien: Das Leib-Ich und das Nicht-Ich. Zum Leib-Ich gehört alles, was der eigene Körper ist. Was durch die Selbstwahrnehmung als nicht zum eigenen Körper gehörig identifiziert wird, gehört zum Nicht-Ich3. Das Leib-Ich zeichnet sich des Weiteren dadurch aus, dass Vorhersagen über zukünftige Handlungen besonders zuverlässig sind:

Aktuelle Studien der Forschungsgruppe Körperrepräsentation und Selbstkonzept am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften legen nahe, dass die Überwachung der unmittelbaren Signale des (aktiven) Körpers eine automatische Abgrenzung von anderen Personen und eine klare Zuschreibung von Urheberschaft für Handlungen ermöglicht. Hierfür ist offenbar ein Abgleich und eine Übereinstimmung zwischen tatsächlichen und vorhergesagten sensorischen Konsequenzen von eigenen Handlungen entscheidend. Durch eigene Bewegungen hervorgerufene beziehungsweise korrekt vorhergesagte sensorische Effekte werden durch Hemmung der entsprechenden Areale abgeschwächt. Man nennt diesen Vorgang sensorische Attenuierung. So werden selbstproduzierte Töne beispielsweise leiser wahrgenommen. (ebd.)

Die Pointe des Leib-Ich besteht darin, dass man es anders wahrnimmt als das Nicht-Ich. Aus dem Leib-Ich entwickeln sich alle Kategorien der Psyche. Aus dem Nicht-Ich entwickeln sich die Kategorien der Außenwelt.

Das Leib-Ich lässt sich als triadische Relation darstellen. Das Objekt ist der Körper. Das Repräsentamen ist die Selbstwahrnehmung. Der Interpretant sind die Abläufe im Hirn, die passieren, wenn man seinen Körper wahrnimmt; oder: Neuronale Aktivität. Das Ergebnis ist Abbildung 7.


8.3 Vom Leib-Ich zum je

Wir halten also fest: Das Ich ist in der Physis des Menschen verankert. Die erste Phase der Ich-Entwicklung ist das Leib-Ich. Jetzt gilt es zu erklären, wie das Leib-Ich zum Me übergeht.

Der menschliche Körper ist einem ständigen Wandel unterzogen. Er entwickelt sich im Mutterleib, kommt zur Welt und entwickelt sich in einem rasanten Tempo weiter. Dieses Tempo nimmt mit der Zeit ab, doch bleibt die ständige Veränderung bestehen. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welchen ich nicht genauer bestimmen möchte, nennt man es Entwicklung. Danach nennt man diese Veränderungen „altern“.

Wann in dieser Entwicklung entsteht das Leib-Ich? Einen genauen Zeitpunkt zu nennen, ist nicht möglich – denn der Anfang die Entwicklung des Leib-Ichs ist ein Prozess des Beginnens. Es gibt jedoch Zäsuren in der Kindesentwicklung, die beachtenswert sind.

Die erste dieser Zäsuren ist die Befruchtung der Eizelle. Zu diesen Zeitpunkt ist plausiblerweise der Beginn der Entwicklung des Kindes zu setzen. Dann, ungefähr ab dem vierten Schwangerschaftsmonat, nimmt das Kind seinen Daumen in den Mund. Gleichzeitig ist es der Tastsinn, der sich als erstes, vom der Region des Mundes her, ausbildet. Das Ungeborene nimmt also wahr, dass es etwas im Mund hat. Ebenfalls hört der Fötus auch, z. B. Die Stimme der Mutter, Musik etc. Es ist möglich, dass sich das Leib-Ich in diesem Moment anfängt auszubilden.

Die nächste Zäsur ist die Geburt, deren Datum jedoch als kontingent angesehen werden muss, was zwei Gründe hat. Erstens können Ungeborene prinzipiell auch vor dem natürlichen Ende der Schwangerschaft (9 Monate) außerhalb des Mutterleibs überleben. Zweitens sind Menschen physiologische Frühgeburten (vgl. Portmann 1969). Wenn man so will, ist ein Proto-Leib-Ich angeboren – natürlich nur in dem Sinne, dass es vor der Geburt schon in der Psyche des Kindes angelegt ist.

Von einem ersten, vollwertigen Leib-Ich kann spätestens dann gesprochen werden, wenn das Kind in das Spiegelstadium tritt (vgl. Lacan 1986), zum Beispiel den Rouge-Test besteht. Das bedeutet, dass das Kind seinen Körper als sich selbst erkennt: „Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung.“ (ebd.: 64).

Zum Spiegelstadium gibt es vier mögliche Interpretationen:

  1. Das Kind hat noch kein Ich ausgebildet – das Spiegelstadium hätte also keine Bedeutung. Diese Interpretation halte ich für falsch, da sich etwas im Verhalten des Kindes geändert hat. Es erkennt sich nun.
  2. Das Kind erkennt sich schon als moi. Diese Interpretation ist möglich, wirft jedoch weitere Fragen auf: Wie ist die Entwicklung vom Leib-Ich zum je zum moi so schnell passiert? Und vor allem wie? Diese Interpretation hat keinen Mehrwert, was ihre Erklärungsleistung angeht.
  3. Das Kind erkennt sich als je. Diese Interpretation ist generell richtig. Die Entwicklung des Leib-Ichs ist abgeschlossen, sobald das Kind anfängt sein je auszubilden – die Frage, die sich stellt ist hier, ob das Leib-Ich bewusst ist. Wenn das Leib-Ich bewusst ist, dann ist es im je metarepräsentiert (vgl. Higher Order Theorie).
  4. Das Kind hat ein Leib-Ich ausgebildet, welches noch nicht bewusst ist. Diese Interpretation bringt uns am weitesten: das Erkennen des eigenen Körpers ist nicht zuvor bewusst, sondern wird es im Prozess des Erkennens. Der Rouge-Test selbst kann ein möglicher Übergang vom Leib-Ich zum je sein.

Natürlich machen nicht alle Kinder diesen Test und es gab in der Menschheitsgeschichte nicht immer Spiegel. Man darf sich aber nicht zu sehr an den Wortlaut des Spiegelstadiums klammern. Ein ähnlicher Indikator wäre, wann das Kind anfängt, Adaptoren zu benutzen:

Adaptoren sind Bewegungen, die anfänglich gelernt wurden, um selbstbezogene oder körperbezogene Bedürfnisse zu befriedigen; um bestimmte Körperaktionen auszuführen; um Emotionen zu kontrollieren; um prototypische interpersonale Kontakte zu entwickeln oder aufrechtzuerhalten oder um instrumentelle Aktivitäten zu erlernen. (Ekman/ Friesen 1984: 115).

Der Rouge-Test besteht im Endeffekt nur daraus, ob ein Kind einen Adaptor zeigt oder nicht – ob es den eigenen Kopf berührt oder das Spiegelbild.

Sobald die Adaption des eigenen Körpers beginnt, ist das Leib-Ich bewusst. Der Übergang die erste Adaption des Körpers. Damit wäre das Kind zum ersten Mal (unbewusst) je – der Körper (besser: meine Physis) ist erstmalig das Objekt des Erkennens, es ist im je metarepräsentiert.

Kleinkinder sprechen von sich selbst manchmal in der dritten Person. Dieses Verhalten kann man auf die Metarepräsentation des Körpers im je zurückführen, da sie ihren Körper als Objekt sehen, also auch begreifen, dass das, was andere sehen, der Körper ist – wie Sartre sagte „der Körper-für-Andere“: „Mein Körper wird vom Anderen benutzt und erkannt: das ist seine zweite Dimension. Aber insofern ich für den Anderen bin, enthüllt sich mir der Andre als das Subjekt, für das ich Objekt bin.“ (Sartre 2012: 619). Und der erste andere, für den ich bin, bin ich selbst. Ich bin das Subjekt und bin für mich das Objekt.

8.4 Vom je zum moi

Das je beginnt, wenn das Leib-Ich bewusst ist. Sobald man den eigenen Körper verändert, weil man sich dessen gewahr ist, dass es der eigene Körper ist, beginnt die Interpretation eines handelnden Ich – dem je. Wenn man dabei ist sich, selbst als je zu interpretieren, ist ein Leib-Ich fertig. Man weiß, wie der eigene Körper auszusehen hat. Deshalb entfernt man beim Rouge-Test die Farbe vom eigenen Gesicht.

Das je ist das handelnde Ich. Das moi ist ein normatives Ich. Der Übergang vom je zum moi liegt in den Handlungen. Handlungen haben Konsequenzen. Die Interpretation des Ichs auf der Stufe des je hat viel damit zu tun abzuschätzen, welche Konsequenzen meine Handlungen haben. Wenn ich eine Handlung ausführen und eine bestimmte Konsequenz dieser Handlung auslösen will, nennt man das Intention.

Kinder haben Intentionen. Häufig sind sie nicht in der Lage, diese Intentionen adäquat zu kommunizieren und die Eltern müssen häufig raten, was das Kind meint. Das geht in der Regel soweit, dass Kinder und Eltern eine „Privatsprache“ entwickeln. Das Kind bezeichnet Gegenstände mit den ihm möglichen Mitteln und die Eltern interpretieren das Gesagte mit maximaler Benevolenz.

Sobald das Kind mit Menschen in Kontakt tritt, die diese „Privatsprache“ nicht beherrschen, hat es ein Problem. Es merkt, dass es nicht das einzige Subjekt auf der Welt ist. Äußere Einflüsse bekommen den Charakter von Widerständen – es entsteht eine Umwelt für das Kind. Diese Umwelt muss mit der Innenwelt des Kindes in Einklang gebracht werden. Das passiert im Geist des Kindes – oder besser: in seiner Psyche.

Der Moment des äußeren Widerstandes, also der Moment, in dem das Kind merkt, dass andere Personen auch Subjekte sind, ist der Moment, in dem das je zum moi übergeht. Dem Kind ist nun bewusst, dass es selbst ein handelndes Subjekt ist. Es orientiert sich unbewusst an seiner Umwelt, versucht diese seiner Innenwelt anzupassen und vice versa.

8.5 Quo vadis, moi?

Mit dem Erreichen des Ichs als moi ist der Interpretationsprozess nicht abgeschlossen. Der Interpretationsprozess ist erst abgeschlossen, wenn der finale Interpretant erreicht ist. Auf globaler Ebene ist das das Ende der Welt – auf individueller Ebene ist es der Tod des Individuums. Die Interpretation des Ichs geht ständig voran. Aber was kommt nach dem moi?

Es gibt dabei logisch fünf Alternativen, die alle in Frage kommen:

  1. Zurück zum Körper: Durch körperliche Veränderungen beginnt der Interpretationsprozess vor dem Hintergrund des moi von Neuem. Das passiert bei starken körperlichen Veränderungen, zum Beispiel im Wachstum oder der Pubertät. Das kann zu Verwirrung führen, ist aber kein inhärent problematischer Vorgang.
  2. Zurück zum Ich: Das moi wird in seiner Normativität erkannt und man handelt. Entweder verändert man die Welt oder sich selbst. Da die Veränderung der Welt meist keine ernstzunehmende Handlungsoption ist, verändern sich die Menschen. Der Prozess der Semiose wird bewusst. Eine Persönlichkeit bildet sich.
  3. Abspaltung: Das Ich wird in seiner Ganzheit abgespalten und ein neuer Interpretationsprozess angefangen. Die ursprüngliche Interpretationskette wird abgebrochen. Das führt zu schizophrenem Verhalten oder dissoziativer Persönlichkeitsstörung.
  4. Unendliche Abdrift4 des Normativen. Die Interpretation bleibt im moi und geht immer weiter – wenn die Interpretation des moi sich verdoppelt, dann nimmt die Umwelt die Rolle des Repräsentamens ein. Je weiter das geht, desto tiefer wird die Normativität der Umwelt zum Charakter des moi. Statt eine eigene Persönlichkeit auszubilden, imitiert die Person Umwelt. Das ist zunächst nicht als Störung anzusehen, kann aber zu einer werden, wenn der Schritt zum je nicht gemacht wird. Als ein Beispiel dafür kann die „Anorexia nervosa“ (s. Nikolaus 2008) angesehen werden.
  5. Unendliche Abdrift des Ichs. Die Interpretation des Ichs wird so intensiv und zentral, dass sich die Ich-Störung ausbildet, welche als Narzissmus bekannt ist5.
8.6 Zehn Zeichenklassen und das Ich

Als letztes soll versucht werden, eine Verbindung zwischen der Semiose des Ichs, deren verschiedene Erscheinungsformen und den zehn Zeichenklassen nach Peirce geschaffen werden.

Im Kapitel 6.2 wurden die zehn Zeichenklassen skizziert und eine vorläufige Skalierung dieser zwischen den Polen „Physis“ und „Psyche“ wurde vorgenommen. So ist ein Qualisign generell eher in die Richtung des physischen Pols zu klassifizieren, ein Argument eher in die Richtung des psychischen Pols.

Bezogen auf die Erscheinungsformen des Ichs kann man also sagen, dass das Leib-Ich eher in Richtung Qualisign einzuordnen ist – aber es ist kein Qualisign, welches nur eine logische Möglichkeit ist. Das Leib-Ich hingegen ist ein reales Zeichen. Das gesamte Ich, das als Prozess bewusst wird, ist in die Richtung Argument ein zuordnen. Ob es wirklich ein Argument ist, bleibt zu beantworten. Ebenso müsste man je und moi zwischen diesen beiden Polen einordnen. Welchen Zeichenklassen die Zeichen des Ichs angehören, muss analysiert werden, es würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

8.7 Fazit

Fassen wir das achte Kapitel zusammen: In diesem Kapitel wurde die Entstehung des Ichs untersucht. Das Ich ist nicht angeboren, sondern ein Prozess der Interpretation. Man kann nicht genau sagen, wo dieser Prozess beginnt, da der Mensch nicht in der Lage ist einen Gedanken ohne vorhergehenden Gedanken zu denken. Die erste Entstehung des Ichs wurde in der Physis des Menschen verankert: das Leib-Ich. Sobald das Leib-Ich bewusst ist, setzt die Interpretation des handelnden Ichs (je) ein. Sobald das handelnde Ich merkt, dass andere Menschen auch Subjekte sind, tritt das normative Ich (moi) in Kraft. Damit ist (F2): „Wie entsteht das Ich?“ beantwortet. Im letzten Schritt sollten die Ichzustände den peirce'schen Zeichenklassen zugeordnet werden, was den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

1 Ob es nun der Zeitpunkt der Befruchtung ist oder der Big Bang, spielt für diese Ausarbeitung keine größere Rolle, sollte aber bei Gelegenheit untersucht werden.
2 Die unregelmäßige Schraffierung des Zwischenmediums ist einer technischen Ungenauigkeit geschuldet und hat keine Bedeutung.
3 Eine interessante Ausnahme ist die Mutter bzw. die das Kind stillende Frau. Diese wird im ersten Schritt in das Leib-Ich eingebaut, weil die eigene Körperwahrnehumg (Hunger) durch das Stillen modifiziert wird und deshalb das Kind kein Unterschied zwischen Mutter und sich selbst machen kann. Wenn ich Hunger habe, dann schreie ich. Wenn ich schreie, dann nehme ich einen Körper wahr, der meinen Hunger stillt. Was sich hier zeigt ist auch, dass Gegenstände nicht fest in den Kategorien sind, sondern auch die Kategorien wechseln können.
4 Der Begriff „unendliche Abdrift“ ist von Eco entlehnt. Dieser bedeutet, dass Interpretationen ohne Beschränkung „wuchern“. Eco selbst spricht von der hermetischen Abdrift: „Als Hauptmerkmal der hermetischen Abdrift erschien uns die unkontrollierte Fähigkeit, von Bedeutung zu Bedeutung, von Ähnlichkeit zu Ähnlichkeit, von einem Zusammenhang zu einem anderen weiterzugleiten.“ (Eco 2004: 426).
5 Eine genauere Untersuchung des modernen Narzissmus würde viele Strukturen der modernen Gesellschaft freilegen. So bemerkt U. Nuber zurecht: „In unserer Zeit ist narzisstisches Verhalten fast unvermeidlich. Narzissten, selbstbezogen und rücksichtslos, sind in der Wirtschaft gefragt.“ (Nuber 2010: 23). So würde eine Analyse des zeitgenössischen Narzissmus auch die krampfhafte Sehnsucht nach Authentizität beantworten.