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Freitag, 25. September 2015

5 Positives Fazit

5 Positives Fazit

Das Ziel der Kritik war es nicht, einfach zu zeigen, dass der aktuelle Diskurs bezüglich des „Ichs“ gravierende Fehler aufweist. Ziel war vielmehr, einen Überblick zu schaffen, was die aktuellsten Erkenntnisse sind. Deshalb soll im Folgenden nicht zusammengefasst werden, was alles falsch ist, sondern welche Bausteine aus den drei Thesen richtig sind und weiter verwendet werden sollen. Der Fokus liegt dabei auf den Thesen von Dawkins und Metzinger.

5.1 Dawkins und das Hirn als Vermittler

Dawkins sagt in seinem Kapitel „Die Genmaschine“:

Doch um komplexere und weniger direkte Beziehungen zwischen dem zeitlichen Ablauf von Ereignissen in der Außenwelt und dem von Muskelkontraktionen zu erhalten, war so etwas wie ein Gehirn als Vermittler notwendig. (Dawkins 2010: 107, kursiv von mir, PB)

Dawkins macht hier den behavioristischen Fehler, unseren Körper von der Außenwelt abzusondern. Dieser Fehler ist im Kern behavioristisch, da es das menschliche Verhalten als reine Physis betrachtet, statt psychisch. Wenn der Gedanke hinter der These abstrahiert wird, so ist er sehr erhellend.

Das Gehirn nimmt eine Vermittlerfunktion ein, aber nicht zwischen zwei Phänomenen der Außenwelt, der Physis, sondern zwischen der Physis und der Psyche. Das Hirn, welches selbst ein Teil der Physis ist, aber unbestreitbar irgendwie mit der Psyche zusammenhängt, muss als Vermittler angesehen werden. Genauer: als Repräsentamen. Was ist ein Repräsentamen? Peirce sagt dazu:

The analysis which I have just used to give you some notion of genuine Thirdness and its two forms of degeneracy is the merest rough blackboard sketch of the true state of things; and I must begin the examination of representation by defining representation a little more accurately. In the first place, as to my terminology, I confine the word representation to the operation of a sign or its relation to the object for the interpreter of the representation. The concrete subject that represents I call a sign or a representamen. I use these two words, sign and representamen, differently. By a sign I mean anything which conveys any definite notion of an object in any way, as such conveyers of thought are familiarly known to us. Now I start with this familiar idea and make the best analysis I can of what is essential to a sign, and I define a representamen as being whatever that analysis applies to. If therefore I have committed an error in my analysis, part of what I say about signs will be false. For in that case a sign may not be a representamen. The analysis is certainly true of the representamen, since that is all that word means. Even if my analysis is correct, something may happen to be true of all signs, that is of everything that, antecedently to any analysis, we should be willing to regard as conveying a notion of anything, while there might be something which my analysis describes of which the same thing is not true. In particular, all signs convey notions to human minds; but I know no reason why every representamen should do so.

My definition of a representamen is as follows:
A REPRESENTAMEN is a subject of a triadic relation TO a second, called its OBJECT, FOR a third, called its INTERPRETANT, this triadic relation being such that the REPRESENTAMEN determines its interpretant to stand in the same triadic relation to the same object for some interpretant. (CP: 1.540)

Eco sagt dazu: „Das Repräsentamen ist ein materieller Ausdruck wie ein Wort, oder irgendein anderes Zeichen – oder besser, es ist der allgemeine Typus vieler herstellbarer Exemplare dieses Zeichens“ (Eco 2004: 285).

Für die Zwecke dieser Arbeit ist festzuhalten, dass ein Repräsentamen zwischen einem Objekt und einem Interpretant vermittelt und jeder Denkprozess ein Interpretationsprozess ist. Das erste Ergebnis ist:

(E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant.

Was genau die Rolle von Objekt und Interpretant einnimmt, wird an späterer Stelle noch erläutert.

5.2 Metzinger als Konstruktivist

Wie bei Dawkins, soll auch Metzinger darauf hin untersucht werden, welche seiner Thesen für eine weitere Untersuchung des „Ichs“ nützlich sind. Dafür werden seine Thesen vor dem Hintergrund des Konstruktivismus interpretiert.

Konstruktivismus wird dabei in einer rudimentären Form benutzt. Als eine konstruktivistische These wird eine These verstanden, die als eine ihrer Prämissen sagt, dass Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren.

Im ersten Kapitel des Ego-Tunnels schreibt Metzinger als ersten Satz: „Bewusstsein ist das Erscheinen einer Welt.“ (Metzinger 2012: 31). Diese Formulierung entzieht sich der konstruktivistischen Interpretation auf den ersten Blick, ist doch ein „Erscheinen“ ein passiver Vorgang. Mir erscheint etwas. Die Aktivität, die einem Konstruktionsvorgang inhärent ist, liegt in einer solchen Formulierung im Objekt. Und ein Objekt ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht handeln kann. Konstruktion ist eine Handlung.

Die „objektive“ Interpretation des Erscheinens der Welt kann aber genau aus den genannten Gründen nicht aufrecht erhalten werden. Wie kann mir etwas erscheinen, was überhaupt nicht erscheinen kann? Deshalb muss das Erscheinen einer Welt als „subjektiv“ verstanden werden. Ein Subjekt konstruiert eine Umwelt durch „Wahrnehmungsurteile“. Damit ist gemeint:

But supposing that I am right, as I probably shall be in the opinions of some readers, how then is the Perceptual Judgment to be explained? In reply, I note that a Percept cannot be dismissed at will, even from memory. Much less can a person prevent himself from perceiving that which, as we say, stares him in the face. Moreover, the evidence is overwhelming that the perceiver is aware of this compulsion upon him; and if I cannot say for certain how this knowledge comes to him, it is not that I cannot conceive how it could come to him, but that, there being several ways in which this might happen, it is difficult to say which of those ways actually is followed. But that discussion belongs to psychology; and I will not enter upon it. Suffice it to say that the perceiver is aware of being compelled to perceive what he perceives. Now existence means precisely the exercise of compulsion. Consequently, whatever feature of the percept is brought into relief by some association and thus attains a logical position like that of the observational premiss of an explaining Abduction, the attribution of Existence to it in the Perceptual Judgment is virtually and in an extended sense, a logical Abductive Inference nearly approximating to necessary inference. But my next paper will throw a flood of light upon the logical affiliation of the Proposition, and the Pheme generally, to coercion. (CP: 4.541)

Meine Interpretation des Erscheinens einer Welt wäre: Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt. Wir interpretieren Sinnesdaten aufgrund von vorherigen Sinnesdaten in der Form von Abduktionen. Dieser Prozess kann bewusst gemacht werden, ist aber so tief in unsere Lebenspraxis eingedrungen, dass er automatisiert abläuft. Das bedeutet, dass wir die Praxis des Interpretierens von Sinnesdaten so perfekt beherrschen, dass es praktisch keinerlei kognitive Arbeit erfordert. Je öfter ein Mensch eine Handlung vollführt, desto weniger kognitive Arbeit muss er für dieser Handlung leisten. Man kann das gut an Sportlern illustrieren.

Profisportler sprechen davon, dass sie nicht darüber nachdenken, wenn sie ihren Sport betreiben. Sie tun es einfach. Momente und Handlungsabläufe haben sie schon so oft durchgespielt, dass sie automatisch ein Entscheidung treffen. Ihre Sinnesdaten werden unbewusst in sehr schnellem Tempo verarbeitet. Auch dieser Prozess ist temporär reversibel. Wenn man einen Sportler im Vollzug dazu bringt, seine Handlungen ins Zentrum seines Bewusstseins zu bringen, als ihn wieder am Aufbau des Erscheinens seiner Welt beteiligt, so verzögert sich der Ablauf seiner Handlungen. Im Amerikanischen spricht man häufig davon, dass ein Spieler „unconscious“ spielt. Also „bewusstlos“, „unbewusst“. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Spieler auf dem Feld im Koma liegt, sondern, dass seine Handlungen nicht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stehen und er dadurch ein höheres Maß an Leistungsfähigkeit liefert. Ein Beispiel für dieses Phänomen und seine Umkehrung:

Sie sehen Michael Jordan, wie er in einer Sporthalle steht und einen Basketball auf einen Korb wirft. Wie Michael Jordan nun mal so ist, trifft mit jedem Wurf. Wenn Sie ihn fragen, wie er das macht, dann ist er wahrscheinlich in der, Ihnen die Technik seines Wurfes zu erklären. Wenn Sie ihn dann bitten, das Erklärte einmal vorzuführen, so ist es wahrscheinlich, dass der Wurf daneben geht. Er hat die Bewegungen seiner Arme und des Körpers in den Fokus seines Bewusstseins gestellt. Dadurch wird der Ablauf gestört und Michael Jordan wirft nicht mehr, wie er vor Ihrer Frage geworfen hat.

Halten wir fest:

(E2) Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt.

Menschen erscheint ständig eine Welt. Die Realität muss als Prozess betrachtet werden. Das Erscheinend-machen einer Welt läuft als Wahrnehmungsurteil in Form einer Abduktion ab. Diese Abduktionen werden ständig vollzogen. Sie werden aber nicht immer von Neuem gemacht. Gemachte Wahrnehmungsurteile als Abduktionen werden wieder verwendet, sie dienen als Muster für neue Wahrnehmungsurteile. Wir induzieren unsere Abduktionen.

Ähnliches schreibt auch Metzinger, was man als zweiten Baustein aus seinen Thesen entnehmen kann: „Theorien verändern die soziale Praxis, und die Praxis verändert irgendwann die Gehirne selbst, die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.“ (Metzinger 2012: 33). Metzinger beschreibt hier einen Dreischritt von Außenwelt hin zur Innenwelt: Theorie/Praxis1 – Hirn – Wahrnehmung. Im Folgenden soll nur noch von der Praxis gesprochen werden. Mit „Wahrnehmung“ ist das gemeint, was in dieser Arbeit „Wahrnehmungsurteil“ genannt wird. Formulieren wir also neu:

(E3) Die Praxis verändert unsere Gehirne, welche unsere Wahrnehmungsurteile verändern.

Die Veränderung der Gehirne darf im ersten Schritt nicht zu materiell verstanden werden. Die soziale Praxis verändert die Interpretationsart. Um auf das Basketballbeispiel zurück zu greifen: Das Gehirn von Michael Jordan ist in der Art verändert, dass bestimmte Handlungen nicht mehr bewusst ausgeführt werden müssen. In Computermetaphorik ausgedrückt: Das Programm „Freiwürfe“ ist so tief in die Hardware implementiert, dass es schwer ist, beide zu unterscheiden.

Die Praxis als Phänomen der Außenwelt verändert unsere Hirne in ihrer Rolle als Filter, dessen, was passiert, also einen reinen Wahrnehmungsprozess. Wir haben zu diesem Prozess keinen Zugang, denn sobald wir einen Zugang haben, fällen wir ein unbewusstes Wahrnehmungsurteil.

5.3 Erste Bausteine

Halten wir die drei Erkenntnisse fest:
(E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant.

(E2) Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt.

(E3) Die Praxis verändert unsere Gehirne, welche unsere Wahrnehmungsurteile verändern.

Der nächste Schritt ist die Schaffung einer semiotischen Grundlage zur Nutzung dieser Erkenntnisse.

1 Die Interpretation von Metzingers Aussage als eine Vierteilung ist auch möglich: Theorie – Praxis – Hirn – Wahrnehmung. Wenn man die soziale Praxis aber in Zeichen, also triadischen Relationen versteht, dann liegt es nahe, Theorie als Interpretant des vorhergehenden Zeichens zu verstehen.

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