Seiten

Freitag, 25. September 2015

5 Positives Fazit

5 Positives Fazit

Das Ziel der Kritik war es nicht, einfach zu zeigen, dass der aktuelle Diskurs bezüglich des „Ichs“ gravierende Fehler aufweist. Ziel war vielmehr, einen Überblick zu schaffen, was die aktuellsten Erkenntnisse sind. Deshalb soll im Folgenden nicht zusammengefasst werden, was alles falsch ist, sondern welche Bausteine aus den drei Thesen richtig sind und weiter verwendet werden sollen. Der Fokus liegt dabei auf den Thesen von Dawkins und Metzinger.

5.1 Dawkins und das Hirn als Vermittler

Dawkins sagt in seinem Kapitel „Die Genmaschine“:

Doch um komplexere und weniger direkte Beziehungen zwischen dem zeitlichen Ablauf von Ereignissen in der Außenwelt und dem von Muskelkontraktionen zu erhalten, war so etwas wie ein Gehirn als Vermittler notwendig. (Dawkins 2010: 107, kursiv von mir, PB)

Dawkins macht hier den behavioristischen Fehler, unseren Körper von der Außenwelt abzusondern. Dieser Fehler ist im Kern behavioristisch, da es das menschliche Verhalten als reine Physis betrachtet, statt psychisch. Wenn der Gedanke hinter der These abstrahiert wird, so ist er sehr erhellend.

Das Gehirn nimmt eine Vermittlerfunktion ein, aber nicht zwischen zwei Phänomenen der Außenwelt, der Physis, sondern zwischen der Physis und der Psyche. Das Hirn, welches selbst ein Teil der Physis ist, aber unbestreitbar irgendwie mit der Psyche zusammenhängt, muss als Vermittler angesehen werden. Genauer: als Repräsentamen. Was ist ein Repräsentamen? Peirce sagt dazu:

The analysis which I have just used to give you some notion of genuine Thirdness and its two forms of degeneracy is the merest rough blackboard sketch of the true state of things; and I must begin the examination of representation by defining representation a little more accurately. In the first place, as to my terminology, I confine the word representation to the operation of a sign or its relation to the object for the interpreter of the representation. The concrete subject that represents I call a sign or a representamen. I use these two words, sign and representamen, differently. By a sign I mean anything which conveys any definite notion of an object in any way, as such conveyers of thought are familiarly known to us. Now I start with this familiar idea and make the best analysis I can of what is essential to a sign, and I define a representamen as being whatever that analysis applies to. If therefore I have committed an error in my analysis, part of what I say about signs will be false. For in that case a sign may not be a representamen. The analysis is certainly true of the representamen, since that is all that word means. Even if my analysis is correct, something may happen to be true of all signs, that is of everything that, antecedently to any analysis, we should be willing to regard as conveying a notion of anything, while there might be something which my analysis describes of which the same thing is not true. In particular, all signs convey notions to human minds; but I know no reason why every representamen should do so.

My definition of a representamen is as follows:
A REPRESENTAMEN is a subject of a triadic relation TO a second, called its OBJECT, FOR a third, called its INTERPRETANT, this triadic relation being such that the REPRESENTAMEN determines its interpretant to stand in the same triadic relation to the same object for some interpretant. (CP: 1.540)

Eco sagt dazu: „Das Repräsentamen ist ein materieller Ausdruck wie ein Wort, oder irgendein anderes Zeichen – oder besser, es ist der allgemeine Typus vieler herstellbarer Exemplare dieses Zeichens“ (Eco 2004: 285).

Für die Zwecke dieser Arbeit ist festzuhalten, dass ein Repräsentamen zwischen einem Objekt und einem Interpretant vermittelt und jeder Denkprozess ein Interpretationsprozess ist. Das erste Ergebnis ist:

(E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant.

Was genau die Rolle von Objekt und Interpretant einnimmt, wird an späterer Stelle noch erläutert.

5.2 Metzinger als Konstruktivist

Wie bei Dawkins, soll auch Metzinger darauf hin untersucht werden, welche seiner Thesen für eine weitere Untersuchung des „Ichs“ nützlich sind. Dafür werden seine Thesen vor dem Hintergrund des Konstruktivismus interpretiert.

Konstruktivismus wird dabei in einer rudimentären Form benutzt. Als eine konstruktivistische These wird eine These verstanden, die als eine ihrer Prämissen sagt, dass Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren.

Im ersten Kapitel des Ego-Tunnels schreibt Metzinger als ersten Satz: „Bewusstsein ist das Erscheinen einer Welt.“ (Metzinger 2012: 31). Diese Formulierung entzieht sich der konstruktivistischen Interpretation auf den ersten Blick, ist doch ein „Erscheinen“ ein passiver Vorgang. Mir erscheint etwas. Die Aktivität, die einem Konstruktionsvorgang inhärent ist, liegt in einer solchen Formulierung im Objekt. Und ein Objekt ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht handeln kann. Konstruktion ist eine Handlung.

Die „objektive“ Interpretation des Erscheinens der Welt kann aber genau aus den genannten Gründen nicht aufrecht erhalten werden. Wie kann mir etwas erscheinen, was überhaupt nicht erscheinen kann? Deshalb muss das Erscheinen einer Welt als „subjektiv“ verstanden werden. Ein Subjekt konstruiert eine Umwelt durch „Wahrnehmungsurteile“. Damit ist gemeint:

But supposing that I am right, as I probably shall be in the opinions of some readers, how then is the Perceptual Judgment to be explained? In reply, I note that a Percept cannot be dismissed at will, even from memory. Much less can a person prevent himself from perceiving that which, as we say, stares him in the face. Moreover, the evidence is overwhelming that the perceiver is aware of this compulsion upon him; and if I cannot say for certain how this knowledge comes to him, it is not that I cannot conceive how it could come to him, but that, there being several ways in which this might happen, it is difficult to say which of those ways actually is followed. But that discussion belongs to psychology; and I will not enter upon it. Suffice it to say that the perceiver is aware of being compelled to perceive what he perceives. Now existence means precisely the exercise of compulsion. Consequently, whatever feature of the percept is brought into relief by some association and thus attains a logical position like that of the observational premiss of an explaining Abduction, the attribution of Existence to it in the Perceptual Judgment is virtually and in an extended sense, a logical Abductive Inference nearly approximating to necessary inference. But my next paper will throw a flood of light upon the logical affiliation of the Proposition, and the Pheme generally, to coercion. (CP: 4.541)

Meine Interpretation des Erscheinens einer Welt wäre: Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt. Wir interpretieren Sinnesdaten aufgrund von vorherigen Sinnesdaten in der Form von Abduktionen. Dieser Prozess kann bewusst gemacht werden, ist aber so tief in unsere Lebenspraxis eingedrungen, dass er automatisiert abläuft. Das bedeutet, dass wir die Praxis des Interpretierens von Sinnesdaten so perfekt beherrschen, dass es praktisch keinerlei kognitive Arbeit erfordert. Je öfter ein Mensch eine Handlung vollführt, desto weniger kognitive Arbeit muss er für dieser Handlung leisten. Man kann das gut an Sportlern illustrieren.

Profisportler sprechen davon, dass sie nicht darüber nachdenken, wenn sie ihren Sport betreiben. Sie tun es einfach. Momente und Handlungsabläufe haben sie schon so oft durchgespielt, dass sie automatisch ein Entscheidung treffen. Ihre Sinnesdaten werden unbewusst in sehr schnellem Tempo verarbeitet. Auch dieser Prozess ist temporär reversibel. Wenn man einen Sportler im Vollzug dazu bringt, seine Handlungen ins Zentrum seines Bewusstseins zu bringen, als ihn wieder am Aufbau des Erscheinens seiner Welt beteiligt, so verzögert sich der Ablauf seiner Handlungen. Im Amerikanischen spricht man häufig davon, dass ein Spieler „unconscious“ spielt. Also „bewusstlos“, „unbewusst“. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Spieler auf dem Feld im Koma liegt, sondern, dass seine Handlungen nicht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stehen und er dadurch ein höheres Maß an Leistungsfähigkeit liefert. Ein Beispiel für dieses Phänomen und seine Umkehrung:

Sie sehen Michael Jordan, wie er in einer Sporthalle steht und einen Basketball auf einen Korb wirft. Wie Michael Jordan nun mal so ist, trifft mit jedem Wurf. Wenn Sie ihn fragen, wie er das macht, dann ist er wahrscheinlich in der, Ihnen die Technik seines Wurfes zu erklären. Wenn Sie ihn dann bitten, das Erklärte einmal vorzuführen, so ist es wahrscheinlich, dass der Wurf daneben geht. Er hat die Bewegungen seiner Arme und des Körpers in den Fokus seines Bewusstseins gestellt. Dadurch wird der Ablauf gestört und Michael Jordan wirft nicht mehr, wie er vor Ihrer Frage geworfen hat.

Halten wir fest:

(E2) Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt.

Menschen erscheint ständig eine Welt. Die Realität muss als Prozess betrachtet werden. Das Erscheinend-machen einer Welt läuft als Wahrnehmungsurteil in Form einer Abduktion ab. Diese Abduktionen werden ständig vollzogen. Sie werden aber nicht immer von Neuem gemacht. Gemachte Wahrnehmungsurteile als Abduktionen werden wieder verwendet, sie dienen als Muster für neue Wahrnehmungsurteile. Wir induzieren unsere Abduktionen.

Ähnliches schreibt auch Metzinger, was man als zweiten Baustein aus seinen Thesen entnehmen kann: „Theorien verändern die soziale Praxis, und die Praxis verändert irgendwann die Gehirne selbst, die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.“ (Metzinger 2012: 33). Metzinger beschreibt hier einen Dreischritt von Außenwelt hin zur Innenwelt: Theorie/Praxis1 – Hirn – Wahrnehmung. Im Folgenden soll nur noch von der Praxis gesprochen werden. Mit „Wahrnehmung“ ist das gemeint, was in dieser Arbeit „Wahrnehmungsurteil“ genannt wird. Formulieren wir also neu:

(E3) Die Praxis verändert unsere Gehirne, welche unsere Wahrnehmungsurteile verändern.

Die Veränderung der Gehirne darf im ersten Schritt nicht zu materiell verstanden werden. Die soziale Praxis verändert die Interpretationsart. Um auf das Basketballbeispiel zurück zu greifen: Das Gehirn von Michael Jordan ist in der Art verändert, dass bestimmte Handlungen nicht mehr bewusst ausgeführt werden müssen. In Computermetaphorik ausgedrückt: Das Programm „Freiwürfe“ ist so tief in die Hardware implementiert, dass es schwer ist, beide zu unterscheiden.

Die Praxis als Phänomen der Außenwelt verändert unsere Hirne in ihrer Rolle als Filter, dessen, was passiert, also einen reinen Wahrnehmungsprozess. Wir haben zu diesem Prozess keinen Zugang, denn sobald wir einen Zugang haben, fällen wir ein unbewusstes Wahrnehmungsurteil.

5.3 Erste Bausteine

Halten wir die drei Erkenntnisse fest:
(E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant.

(E2) Bewusstsein ist das Erscheinend-machen einer Welt.

(E3) Die Praxis verändert unsere Gehirne, welche unsere Wahrnehmungsurteile verändern.

Der nächste Schritt ist die Schaffung einer semiotischen Grundlage zur Nutzung dieser Erkenntnisse.

1 Die Interpretation von Metzingers Aussage als eine Vierteilung ist auch möglich: Theorie – Praxis – Hirn – Wahrnehmung. Wenn man die soziale Praxis aber in Zeichen, also triadischen Relationen versteht, dann liegt es nahe, Theorie als Interpretant des vorhergehenden Zeichens zu verstehen.

Freitag, 11. September 2015

4 Der Mann, der vor nichts zurückschreckte: Kritik an T. Metzinger

4 Der Mann, der vor nichts zurückschreckte: Kritik an T. Metzinger

Wo Precht uns nur ein kleines Kapitelchen zum Thema „Ich“ liefert, handelt es sich bei Metzinger um eine ganze Theorie, welche sich dem Begriff des Ego-Tunnels subsumieren lässt. Der Ego-Tunnel ist eine Form des bewussten Erlebens aus einer subjektiven Perspektive.

4.1 Der Ego-Tunnel

Metzinger gibt seiner Theorie ein erkenntnistheoretisches Fundament. Darauf baut er eine Theorie des Bewusstseins auf. Folgend stellt er die Frage, wie Wahrnehmung von statten geht. Im letzten Schritt bezieht er seine Erkenntnisse über Wahrnehmung auf das Bewusstsein, um schließlich eine Form der Bewusstseinsethik zu entwerfen.

Die folgende Kritik an Metzingers Theorie bezieht sich vor allem auf das erkenntnistheoretische Fundament und seine Erkenntnisse über Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung.

4.2 Erkenntnistheoretische Grundlagen

Teil I seines Buches trägt den Titel „Das Bewusstseinsproblem“. In diesem Teil entwirft Metzinger eine erkenntnistheoretische Grundlage für seine weitere Theorie. Er stellt dabei klassische Fragen der Erkenntnistheorie:

Woher nehmen Sie eigentlich die Gewissheit, dass Sie sich nicht jetzt gerade, während Sie dieses Buch lesen, in einem Gefäß mit einer Nährlösung befinden? Wie können Sie beweisen, dass das Buch in Ihrer Hand – oder auch die Hand selbst – in Wirklichkeit existiert? In der Philosophie nennen wir dieses Spiel »Erkenntnistheorie«, die Suche nach einer Theorie darüber, wie sicheres und verlässliches Wissen möglich ist. (Metzinger 2012: 40)

Als erstes fragt Metzinger nach dem Bewusstsein. Bewusstsein definiert er als „das Erscheinen einer Welt.“ (ebd.: 31). Das bedeutet nichts anderes als die Subjektabhängigkeit der Außenwelt. Es gibt eine subjektunabhängige Außenwelt, jedoch ist diese uns nicht zugänglich, sondern erscheint uns nur in einer bestimmten Art und Weise. Die Besonderheit bei Metzinger ist, dass er diesen Prozess des Erscheinens bewusst macht. Seinen Begriff von Bewusstsein stellt er dabei in eine Traditionslinie mit F. Brentano, indem Metzinger sagt,

dass das bewusste Wahrnehmen auch darin bestehen muss, dass man sich der Tatsache gewahr ist, dass man gerade jetzt etwas bewusst wahrnimmt, in genau diesem Moment. […] Bewusste Zustände könnten genau die Zustände sein, die sich selbst noch einmal »metarepräsentieren«, während sie etwas anderes darstellen. (ebd.: 53).

Da unser Bewusstsein eine zeitliche Komponente besäße, fange es an zu fließen. Deshalb könne man von einem Bewusstseins-Tunnel sprechen. Die Wände des Tunnels sind die Grenzen des Erlebens. Alles, was sich im Tunnel abspielt, ist das Erlebte. Das Licht am Ende des Tunnels ist die Außenwelt, jedoch ist der Tunnel unendlich lang. Man sieht das Licht, erreicht es aber nicht.

Wer ist es aber, der bewusst erlebt? Metzinger nennt diese Frage „das Wer-Problem“. Er beantwortet diese Frage zunächst nicht, sondern verweist nur darauf, dass es ein „Bewusstseins-Tunnel“ sei, aber die Frage nach der Subjektivität an späterer Stelle gelöst werden soll (s. ebd. 99f.)

Zusätzlich zum Bewusstseins-Tunnel, erscheine dem Menschen sich selbst als phänomenales Selbst (vgl. ebd.: 28). Unser eigener Körper ist damit schon ein Teil der Außenwelt, welcher sich für uns nur in einer bestimmten Art und Weise anfühlt. Dieses Fühlen spielt sich jetzt ab, unser Bewusstsein hat eine zeitliche Komponente. Das Jetzt wird nur dadurch zu dem, was es ist, da es bewusst ist (vgl. ebd.: 66), es ist also ein subjektives Phänomen.

Wenn das Jetzt abhängig von einem Subjekt ist, stellt sich Metzinger die Frage: „Wenn alles ein einziger Gedanke ist – wäre das noch bewusstes Erleben?“ (ebd.:67). Er nennt das das „Wirklichkeits-Problem“. Er bietet als Lösung dieses Problems die Möglichkeit an, dass unser Welt-Bild konstruiert sei. Die Konstruktion sei jedoch transparent, also für uns selbst nicht erfahrbar, wie ein blinder Fleck.

Um dem Vorwurf zu entgehen, eine Doppelung der Welt zu vollziehen, löst Metzinger auch das „Eine-Welt-Problem“. Alle unsere bewusste Wahrnehmung ist in einer Welt, hat aber „zwei logische Teile[...]: einen Teil, der ein inneres Portrait […] erzeugt, und einen Teil, der ständig den Gesamtzustand selbst repräsentiert[...].“ (ebd.: 53). Hier ist Nähe zu den Gedanken zu erkennen, welche im Generellen F. de Saussure zugeschrieben werden. Im folgenden soll diese Position mit „strukturalistischer Saussure“ bezeichnet werden.

Beim strukturalistischen Saussure hat ein Zeichen zwei Seiten. Eine Seite ist die lautliche Komponente des Zeichens. Die andere Seite ist die innere Vorstellung des durch die Lautkette repräsentierten Gegenstandes. Diese entspricht dem metzinger'schem „inneren Portrait“. Die lautliche Komponente des Zeichens entspricht der Repräsentation des Gesamtzustandes, da sich die Bedeutung des Zeichens dadurch bestimmen lasse, was es nicht ist. Das Wort „Baum“ ist also dadurch bestimmt, dass es nicht „Bau“, „Raum“ oder etwas Anderes ist. Der Gesamtzustand wäre der sprachliche Holismus, den der strukturalistische Saussure notwendiger Weise in Kauf nehmen muss.

Wie kann man über einen Konstruktionsvorgang sprechen, der dem Konstrukteur prinzipiell unzugänglich ist? Dieser Frage widmet sich Metzinger unter dem Stichwort des „Problems des Unaussprechlichen“1.

Der Kern dieses Problems sei, dass man nicht alles Ausdrücken kann, was man als subjektive »So-heit« erlebt (vgl. ebd.: 82). Vorgeschlagen wird, dass man mit den „neuen und viel feinkörnigeren begrifflichen Unterscheidungen, die uns die Hirnforschung anbietet“ (ebd.: 85) auch feinste Nuancen der subjektiven So-heit beschreiben könnte.

Im Folgenden widmet sich Metzinger der Frage, warum überhaupt subjektives Bewusstsein entstanden ist. In erster Annäherung habe das Bewusstsein einen Wert im Kampf ums Überleben (s. ebd.: 87). Der spezielle Wert des Bewusstseins wäre die Möglichkeit zu „Offline-Simulationen“ (ebd.: 94). Also zu Gedankenexperimenten über mögliche Effekte von Handlungen. Wir benötigten dafür eine

innere Erscheinung einer vollkommen realistischen Welt, gegenwärtig im Hier und Jetzt, [da es] eine sehr elegante Weise [war], um einen Bezugsrahmen und einen zuverlässigen Ankerpunkt für all jene Arten von mentaler Aktivität zu erzeugen, die für höhere Formen von Intelligenz notwendig sind. (ebd.: 97; Ergänzung von PB)

Man benötigt eine innere Repräsentation der Welt, um sie als Ausgang für „Was wäre wenn“-Gedankenexperimente zu nutzen. Also effektiv zu planen und Handlungsfolgen (oder Risiken) abzuschätzen.

4.3 Kritik I
Die ersten beiden Teile in Metzingers Theorie bestechen durch hohe Kohärenz und Schlüssigkeit. Nichtsdestotrotz sind einige seiner zentralen Thesen unhaltbar. Im Folgenden sollen wesentliche Kritikpunkte geäußert werden.

4.3.1 Strukturalistische Kritik

    Wie schon erwähnt, erinnern Metzingers Thesen stellenweise an die Arbeiten des strukturalistischen F. de Saussure, welche besagen, „dass der Zeichenausdruck und der Zeicheninhalt im Gedächtnis miteinander verknüpft sind“ (Busch/Stenschke 2008: 22). Der Strukturalismus wird von mir als erkenntnistheoretische Wissenschaft begriffen, da er zeigen soll, wie die Außenwelt (Objekt) mit dem Geist (Subjekt) zusammenhängt. Die zentralen Fragen der Erkenntnistheorie lehne ich an die von Gottfried Gabriel formulierten Fragen an (vgl. Gabriel 2008: 26).
    1. Die Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis. Ist Erkenntnis empirisch oder rational?
    2. Die Frage nach Realität. Gibt es eine subjektunabhängige Außenwelt?
    3. Die Frage nach der Seinsweise von erkennendem Subjekt und dem erkannten Objekt.
Metzinger sagt, dass das Erkennen zwei logische Teile besitzt: das innere Portrait und die Repräsentation der Gesamtheit. Das innere Portrait ist die subjektive Seite, die Repräsentation der Gesamtheit die objektive Seite. Metzinger geht davon aus, dass wir als Menschen (und auch Tiere) »naive Realisten« sind:

Genau wie wir sind auch Tiere »naive Realisten«, und wenn sie etwa Farbempfindungen haben, dann kann man plausiblerweise davon ausgehen, dass diese ihnen mit der gleichen Qualität und Direktheit, Gewissheit und Unmittelbarkeit erscheinen wie uns selbst. (Metzinger 2012: 32)

    Als naiven Realisten erscheint uns die Außenwelt so, als ob wir einen direkten Zugang zu ihr hätten. Aber Metzinger geht noch einen Schritt weiter und spricht davon, dass es „absolute Werte“ (ebd.: 83) in uns gäbe. Etwas wie »reine Süße« oder »reines Rot«. Wenn es solche absoluten Werte in uns gäbe, wo kommen diese her? Es wäre ein direkter Zugang zur Außenwelt.

Metzinger benötigt diese absoluten Werte für sein Argument. Er geht davon aus, dass die Menschen naive Realisten sind. Hier sind wir im Kern des strukturalistischen Problems. Wenn Objekt und Subjekt untrennbar miteinander verbunden sind, lassen sich die erkenntnistheoretischen Fragen nicht adäquat beantworten.

An einer späteren Stelle in seiner Theorie sagt Metzinger, dass wir als Menschen ein virtuelles Bild unseres Körpers besitzen. Unser subjektives Denken hat die Form unseres Körpers. Das geht nur, wenn absolute Werte als Fundament für das Entstehen des Körperbildes dienen. Wenn es diese nicht gibt, dann ist ein Körperbild in unseren Köpfen, aber niemand weiß, woher es kommt. Es müsste angeboren sein.

Zusammengefasst: Wenn Metzinger davon ausgeht, dass unsere bewusste Wahrnehmung und somit auch unsere Erkenntnis zwei logische Teile besitzt, dann muss er erklären, wie diese beiden Teile zusammenhängen.

4.3.2 Materialistische Kritik

    Metzinger bezeichnet sich selbst meist als Philosoph. Es soll aber nicht unter den Tisch fallen, dass er von Hause aus auch eine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Das soll kein Vorwurf sein, führt aber zu typischen Fehlern in seinem Denken.

Besonders typisch ist seine positivistische Haltung, die Metzinger in einem Zitat von P. M. Churchland in blumig ausgedrückten Heilsversprechen äußert:

Mit der Ankunft einer echten materialistischen Kinematik und Dynamik für psychologische Zustände und kognitive Vorgänge wird keine Finsternis anbrechen, in der unser inneres Leben unterdrückt oder verdunkelt wird, sondern ihre Ankunft wird viel eher so etwas wie eine Morgendämmerung sein, in der sich die wunderbare Komplexität unseres inneren Lebens endlich offenbart – und zwar ganz besonders dann, wenn wir die neuen Begriffe auf uns selbst anwenden, bei der direkten, selbstbewussten Introspektion. (Churchland nach Metzinger 2012: 86)

Metzinger selbst glaubt daran, dass man die Qualität des eigenen Erlebens durch die „neuen und viel feinkörnigeren begrifflichen Unterscheidungen, die uns die Hirnforschung anbietet“ (Metzinger 2012: 85) beschreiben kann2. Eine alltägliche Praxis würde so aussehen:

Ehemann: Hallo, Kathi! Wie geht es dir heute?
Ehefrau: Hallo, Sven! Ich fühle heute eine Mischung aus einer mittleren von PX3 und einer leichten Aktivität von CF7. Mit einer starken Reizung von XYZ.
Ehemann: Ach, danke für deine Vorwarnung. Erinnerst du dich an die Zeit, in der man diesen neuronalen Zustand noch PMS nannte?

Aber wir wollen die Kritik sachlich halten. In ihren „Bausteinen der Kommunikation“ bemerkten Achim und Nora Eschbach völlig richtig:

Karl Bühler hat in seiner Krise der Psychologie von 1927, die viele Fachleute für die Kommunikationstheorie in nuce halten, diesen Stoffdenkern ins Stammbuch geschrieben, zu welchen Irrtümern und Kurzschlüssen eine Betrachtungsweise führen muß, die den materiellen Signalaustausch zum kommunikationswissenschaftlichen Zentralbegriff erklärt. (Eschbach/ Eschbach 2011: 13)

Im Folgenden möchte ich die Kritik, welche Bühler selbst an Freud geübt hat, abstrahieren und zu einer allgemeinen Kritik an materialistischen Theorien des Geistes machen.

Bühler beginnt seine Kritik mit einer Bemerkung Freuds, die besagt, Freud habe mehr Interesse am Inhalt eines Kunstwerkes, als an seiner Form (vgl. Bühler 1978: 165). Bühler erkennt dieses Muster in Freuds Theorien und sagt, „daß er [Freund] genau wie am Kunstwerk auch an den seelischen Gebilden und Verläufen nur das Stoffliche, nur die eine Seite kurz gesagt, zu sehen vermag.“ (ebd.).

Im Folgenden erläutert Bühler ein Beispiel Freuds, der aus dem frühkindlichen Verhalten des Zurückhaltens des Stuhlgangs darauf schließt, dass das Kind später geizig werden würde. Dieser Schluss ist auf den ersten Blick naheliegend. Einer kritischen Prüfung hält Freuds Vermutung nicht stand. Abgesehen von rein empirischen Forschungen über den Zusammenhang von Stuhl und Geld, welche mir nicht vorliegen, liegt der Fehler hier in Freuds Logik. Bühler bemerkt zurecht:

Wenn uns F r e u d bekennt, er habe wenig Sinn für die formalen Qualitäten eines Kunstwerkes, dann verstehen wir daraus, warum ihm die Eigenart des Kinderspiels entgehen und warum ihn der Tatbestand das einzige Mal, wo er einen Blick auf ihn warf, zu den merkwürdigsten Ergänzungen seiner psychologischen Axiome zwingen m u ß t e. (ebd.: 179)

Denn ein solchen Vorgehen erinnere „an jene Entgleisungen gewisser Kunsthistoriker, die das Werk des schaffenden Geistes rein aus den (zufälligen) Lebensanlässen […] verstehen wollten.“ (ebd.).

Der Punkt ist simpel: Es wird eine monokausale Beziehung zwischen einem materiellen Vorgang (Stoff) und einem geistigen Zustand (Form) hergestellt. Grob formalisiert sähe der Tatbestand so aus:

A→B
Oder: Stoff Form
Oder: Materie Geist

Das Moment hinter dieser monokausalen Beziehung ist das der Ähnlichkeit. Freud schließt aus dem frühkindlichen Zurückhalten des Stuhls auf eine Verhaltensdisposition, da beide Vorgänge (Zurückhalten des Stuhl/ Geiz) ähnlich zueinander sind. U. Eco bemerkte in Bezug auf Ähnlichkeit treffend: „Dieses Kriterium könnte das der Ähnlichkeit sein, also semiotisch ausgedrückt, der Korrelation durch Ikonizität; und wenn es sich so verhielte, wäre die Sache ziemlich problematisch, denn der Begriff der Ähnlichkeit ist unscharf und flexibel.“ (Eco 2004: 87). Weiter heißt es: „Die Theoretiker der Signaturen glauben, im festen Vertrauen darauf, daß die Signaturen existieren, Ähnlichkeiten zu entdecken, die in Wahrheit mittels komplexer rhetorischer Operationen erst von ihnen gesetzt werden.“ (ebd.: 91).

Die monokausale Beziehung, die Freud nennt, ist keine seiner Entdeckungen, die er wie ein Archäologe im Boden freigelegt hat. Es ist eine von ihm selbst festgelegte Beziehung. Mit den Worten der Semiotik: Freud hat die Beziehung verzeichnet3.

Genau so verhält es sich bei Metzinger bzw. Churchland. Die verzeichnen die Beziehung zwischen den Begriffen der Hirnforschung und den Begriffen der Emotion. Das Tertium comparationis ist hier das zeitliche Auftreten von Phänomenen. Aktivität im Hirn ist immer zu messen, kurz bevor eine Handlung vollzogen wird. Aufgrund dieser zeitlichen Kookkurrenz (zeitliche Ähnlichkeit) wird auf eine Kausalität zwischen den Phänomenen geschlossen.

Zu bezweifeln, dass Handlungen oder Gedanken ihren Ursprung im Hirn haben, wäre unsinnig. Jedoch muss die Annahme der Monokausalität geprüft werden. Erinnern wir uns an die These Hawkings:

Wir können noch nicht einmal die Gleichung für drei oder mehr miteinander wechselwirkende Teilchen exakt lösen. Da ein Außerirdischer von der Größe eines Menschen […] rund tausend Billionen Billionen Teilchen enthielte, könnten wir die Gleichungen unter keinen Umständen lösen und vorhersagen, was er tun würde. (Hawking 2011: 175).

Was bei Hawking implizit angenommen wird, meines Erachtens aber zentrale Wichtigkeit besitzt: Der Körper muss als Ganzheit wahrgenommen werden. Eine auf neuronale Begriffe reduzierte Sprechweise erfüllt dieses Kriterium nicht.

Fassen wir die Kritik zusammen: Metzinger bemüht sich, seine Theorie auf neurowissenschaftlichen Begriffen aufzubauen. Diese ließen eine genauere Beschreibung des Innenlebens eines Menschen zu. Damit das möglich ist, muss eine monokausale Beziehung zwischen Materie und Geist angenommen werden. Eine solche Annahme kann gemacht werden, sie ist aber nicht unumstößlich naturwissenschaftlich, sondern eine von dem Wissenschaftler gesetzte Ähnlichkeitsbeziehung.

4.4 Psychologische und geistesphilosophische Beobachtungen

Der zweite Teil von Metzingers Buch trägt den Titel: „Neue Ideen und neue Entdeckungen“. In dem Teil argumentiert Metzinger für die Virtualität des menschlichen Selbstbildes. Zentrale Argumente für diese These bezieht er aus Beobachtungen von außerkörperlichen Erfahrungen und luziden Träumen4.

Das dritte Kapitel trägt den Titel: „Hinaus aus dem Körper und hinein in den Geist“. Metzinger eröffnet mit der Beobachtung, Körperbilder seien flexibel. So könnten Skifahrer ihr Körperbild bis in die Spitzen ihrer Skier ausdehnen. Analog dazu sieht Metzinger die „Gummihand-Illusion“. Das Experiment hat folgende Parameter:

Die Probanden betrachteten eine Gummihand, die vor ihnen auf dem Scheibtisch lag, wobei die ihr entsprechende Hand durch eine Abschirmung verdeckt war. Die sichtbare Gummihand und die unsichtbare [sic!] Hand des Probanden wurden dann mit einem synchronen Rhythmus mit einem Stäbchen gestreichelt. Das Experiment lässt sich leicht wiederholen: Nach einer gewissen Zeit […] tritt die berühmte Gummihand-Illusion auf. Plötzlich erleben Sie die Gummihand als Ihre eigene Hand, und – was noch viel verblüffender ist – Sie fühlen die rhythmisch wiederholten Berührungen sogar in dieser Gummihand. Außerdem erleben sie einen vollständig »virtuellen Arm«, das heißt eine durchgehende Verbindung von der Schulter bis zu Handattrappe, die vor ihnen auf dem Tisch liegt. (Metzinger 2012: 16f.)

Metzinger nennt das Gefühl, die Gummihand als eigene Hand zu erleben, das Gefühl der Meinigkeit. Über dieses Gefühl sagt er, dass es sich ganz natürlich ergäbe, da die phänomenale Dynamik der neuronalen folge (vgl. ebd.: 115).

Auch müsse die »Körperkonstanz« eingehalten werden. Das Experiment funktioniere nicht, wenn die Gummihand als dritte sichtbare Hand anwesend sei. Der daraus gezogene Schluss ist, die Gummihand ersetze die reale Hand (vgl. ebd.: 116). Daraus wird eine begriffliche Dreiteilung entwickelt: Meinigkeit, Agentivität und Ort im Raum5. Wenn diese drei Begriffe auf ein Werkzeug angewendet würden, dann werde dieses Werkzeug in das eigene Körperbild integriert. So beschränke sich unser Körperbild nicht nur auf unseren physikalischen Körper (vgl. ebd.: 118). Er geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass wir Erfahrungen haben können, die scheinbar völlig von unserem Körper losgelöst seien: sogenannte „außerkörperliche Erfahrungen“.

Außerkörperliche Erfahrungen seien ein Typ von Erfahrungen, bei denen die Person scheinbar ihren eigenen Körper verlasse und diesen von außen betrachten könne. Da solche Erfahrungen aber im höchsten Grade privat seien, versucht Metzinger sie für die wissenschaftliche Untersuchung fruchtbar da beobachtbar und wiederholbar zu machen. Das Ergebnis seiner Untersuchung ist: „Die Seele ist das OBE-PSM.“ und OBEs (Out of Body Experience) seien „der alltagsphänomenologische Vorläufer des Begriffs der »Seele« und des philosophischen Protobegriffs des »Geistes«.“ (Beide: ebd.: 127).

Was ist für Metzinger der Geist genau? Er sagt, ein Geist sei ein ätherischer, zweiter Körper. Das Ätherische sei dabei keine metaphysische Substanz, sondern reine Information, die im Gehirn fließe (vgl. ebd.: 128).

Um OBEs zu erforschen, erzeugt Metzinger diese im Experiment. Er lässt dazu Menschen Simulationsbrillen tragen. Mit diesen Brillen erzeugt er ein Bild, welches Magrittes „La reproduction interdite“ entspricht. Das Ergebnis dieses Experiments ist eine Selbstidentifikation mit dem virtuellen Selbstbild. Diese Selbstidentifikation ist für Metzinger ein Indikator für Selbstbewusstsein. Die Probanden seien sich ihrer in ihrem virtuellen Bild bewusst. Selbstbewusstsein sei also erzeugbar, indem „man einen Konflikt zwischen verschiedenen Sinnesmodalitäten herstellt“ (ebd.: 150). Das Selbst lokalisiert Metzinger in der puren, passiven Leiblichkeit. „Emotionen, Willensakte und Gedanken sind für das grundlegende Ichgefühl nicht erforderlich.“ (ebd.: 151).

Die Möglichkeit zu sagen, dass etwas „Ich“ ist, lege dann also rein in der physikalisch Existenz des Körpers einer Person, da seine Seele ein Informationsfluss sei, der in seiner inneren Form dem Körper entspräche (vgl. ebd.: 152). Metzinger schließt daraus: „Das bewusste Ichgefühl ist also eine tiefe Form von Wissen über uns selbst, die dem Gesamtsystem Informationen über neue kausale Eigenschaften zur Verfügung stellt.“ (ebd.: 153). Also ist die Möglichkeit, den eigenen Körper als Startpunkt physikalischer Kausalketten zu sehen, auch die Möglichkeit einer Person, sich als sich selbst zu erkennen:

Die Verfügbarkeit des Körpers als einer Ganzheit für die fokussierte Aufmerksamkeit reicht aus, um das grundlegendste Gefühl von Selbst-als-Innerlichkeit zu erzeugen – das bedeutet die Fähigkeit, durch einen als kontrolliert erlebten Akt der Aufmerksamkeitslenkung selbstgerichtet zu werden. (ebd.: 154).

Daraus ergibt sich für Metzinger jedoch die Frage, wer es ist, der den Fokus der Aufmerksamkeit kontrolliere. Er nennt die Kontrollinstanz das Ego. Und

in einem wichtigen Sinne ist das […] Ego eine Fiktion. Eine durch und durch virtuelle Entität. […] Ich [Metzinger] behaupte, dass das phänomenale Erleben aus der Erste-Person-Perspektive und das Erscheinen eines bewussten Selbst komplexe Formen von virtueller Realität sind. Eine virtuelle Realität ist eine mögliche Realität. (ebd.: 158; Ergänzung von PB)

Das bedeutet, dass unsere Realität konstruiert sei. Was wir unser Selbst nennen und als „Ich“ identifizieren, sei eine Möglichkeit und keine Notwendigkeit. Und sie sei deshalb virtuell, weil sie konstruiert sei. Der Erzeuger dieser virtuellen Realität sei das verkörperte Gehirn, bzw. PSM (phänomenale Selbstmodell), welches funktioniere wie ein totaler Flugsimulator:

Genau wie ein Flugsimulator konstruiert und aktualisiert es [das menschliche Gehirn; PB] fortlaufend ein inneres Modell der äußeren Wirklichkeit, indem es einen kontinuierlichen Strom von Input verwendet, der durch die Sinnesorgane geliefert wird, und vergangene Erfahrungen als Filter benutzt. Es verbindet den Informationsfluss aus den sinnlichen Eingabekanälen zu einem globalen Wirklichkeitsmodell, und dies gelingt ihm in Echtzeit. (ebd.: 159)

Metzinger bleibt in dieser Metapher und sagt, das Gehirn sei ein totaler Simulator, da es sogar seinen eigenen Piloten generiert, als komplexes internes Bild von sich selbst. Dieses Bild sei transparent. Um es zu belegen, führt Metzinger ein Experiment über Phantomglieder an.

Bei diesem Experiment wurden Personen, denen ein Arm fehlt, vor einen Spiegel gestellt. Ihre Ausrichtung sei dabei so, dass der Spiegel im 90° Winkel zur Person steht und ihr ermöglicht, bei einer senkrechten Ausrichtung des anwesenden kompletten Arms und des anderen Oberarms, die anwesende Hand so im Spiegel zu sehen, als ob sie die abwesende Hand sei. Das Ergebnis dieses Experiments ist das Gefühl der Personen, als ob ihr abwesender Arm wieder anwesend sei.

Der daraus folgende Schluss ist:

In unseren Gehirnen besitzen wir einen Körper-Emulator, der motorische Befehle benutzt, um die wahrscheinlichen Rückmeldungen aus der körperlichen Eigenwahrnehmung und dem Bewegungssinn vorherzusagen, die sich daraus ergeben, dass wir unsere Körperteile auf eine bestimmte Weise bewegen. Damit wir unsere Handlungen erfolgreich kontrollieren können, reicht es nämlich nicht aus, einfach auf das tatsächliche Feedback aus unseren Armen und Beinen zu warten, während wir uns durch die Welt bewegen. [...] Dieser Körper-Emulator, der ständig Vorwärtssimulationen erzeugt, ist ein grundlegender Teil des menschlichen Selbstmodells und das Herzstück des Ego-Tunnels (ebd.: 164f.).

Der Körperemulator sei ein inneres Bild, welches unserem Außenkörper entspräche, aus den Wahrnehmungen unseres eigenen Körpers entstünde und ständig Hypothesen über zukünftige Realitäten generiere. Diese Vorgänge sind in der puren, passiven Leiblichkeit lokalisiert. Metzinger fragt sich nun, wie aus einem leiblichen Selbst ein echtes Handlungssubjekt werde.

Ein echtes Handlungssubjekt sei ein Subjekt, welches einen eigenen Geist hat. Das bedeutet, man besäße innere Zustände mit einem Inhalt und bette solche Gedanken in ein Selbstmodell ein (vgl. ebd.: 171). Man benötige Ziele, welche das Ego verfolgt. Diese Ziele können rein körperlicher Natur sein. Metzingers Hypothese in dem Zusammenhang ist, „dass das Denken in seinen tiefsten Ursprüngen ein motorischer Vorgang ist.“ (ebd.: 176). Eine res extensa werde durch Bewegung zu einer res cogitans.

Wie Metzinger schon sagte, sei die grundlegende Aufgabe des Hirns, die Erzeugung einer Realität mittels Wahrnehmung. Diesen Prozess spezifiziert er nun indem er sagt, das Hirn lasse am besten dadurch beschreiben, dass es Ordnung aus Chaos erzeugt. Also, die Werte und Ziele setzt, da es „Ziele“ in einem streng materialistischen Weltbild nicht gäbe. Da das Ego jedoch materiell sein muss, heißt das, „dass es keine Entität gibt, die die Handlungen ausführt.“ (ebd.: 194).

Im nächsten Kapitel untersucht Metzinger luzide Träume. Diese sind für Metzinger ein Erscheinen einer Welt in einer Erscheinung selbst. Oder:

Ein luzider Traum ist die globale Simulation einer Welt, in der wir uns plötzlich der Tatsache bewusst werden, dass es sich wirklich nur um eine Simulation handelt. Es ist ein Tunnel, dessen Bewohner zu erkennen beginnt, dass er oder sie tatsächlich die ganze Zeit über in einem Tunnel operiert. (ebd.: 204)

Metzinger schließt aus der Möglichkeit von luziden Träumen6, dass unser Bewusstseins-Tunnel eine psychologische Konstruktion ist, genau wie luzide Träume. Deshalb müsse man auf Mittel der Neurowissenschaft zurückgreifen, um eine präzise Beschreibung der Wirklichkeit liefern zu können. Diesen Weg nicht einzuschlagen, würde zwangsläufig in einem Solipsismus enden, der die fundamental falschen Annahmen mache, „dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt und dass Sie [der Leser] das Subjekt – das heißt das erlebende Selbst – dieser phänomenalen Wirklichkeit sind, dass es tatsächlich so etwas wie einen Bewusstseins-Tunnel gibt […] und dass es Ihr eigener Tunnel ist.“ (ebd.: 214)

Im letzten Kapitel des zweiten Teils stellt sich Metzinger die Frage nach dem Fremdpsychischen und, danach wie Gedanken und Gefühle zwischen Menschen übertragen werden.

Er beginnt mit der Beschreibung eines Kindes, welches stürzt und sich danach als erstes nach der Mutter umsehe. Das Kind tue das, da die Egos von Mutter und Kind auf funktionaler Ebene noch aneinandergekoppelt seien (vgl. ebd.: 232). Die Mutter müsse dem Kind erst zeigen, wie es sich fühle.
Bei einer Mutter-Kind-Verbindung sei dies sofort nachzuvollziehen, jedoch müsse man sich fragen, was mit anderen Selbsten sei. Metzingers These ist: Die Verständigung zwischen Menschen ist aus der Evolution abzuleiten. Sie habe ihre Wurzeln in den Vorfahren der Menschen, also in ihrer physikalischen Beschaffenheit und vervollständige sich in der kulturellen Evolution (vgl. ebd.: 234f).

Besondere Wichtigkeit bei dem Vorgang hätten kanonische Neuronen und Spiegelneuronen. Kanonische Neuronen seien Zellen im Hirn, die stereotype Handlungsmöglichkeiten aus dem Raum der Möglichkeiten kodieren (vgl. ebd.: 237).

Allen Menschen hätten ein gemeinsames Kodierungsprinzip: „Alles, was wir wahrnehmen, wird automatisch als Faktor in einer möglichen Wechselwirkung zwischen uns und der Welt dargestellt.“ (ebd.) Das sei die Aufgabe von kanonischen Neuronen.

Spiegelneuronen seien Zellen in Hirnen, welche Handlungen von anderen Individuen auf eine spezielle Weise wahrnähmen und den Wahrnehmenden genau so fühlen lasse, wie das Wahrgenommene:

Das bewusste erleben des Verstehens eines anderen Menschen, das subjektive Gefühl, dass plötzlich im Ego-Tunnel auftaucht, wenn wir intuitiv erfassen, was die Ziele von anderen sind und was sich in ihrem Geist abspielt, ist ein direktes Ergebnis dieser unbewussten Vorgänge. (ebd.: 238).

Mit „unbewusste Vorgänge“ ist die Arbeit der Spiegelneuron gemeint und Verstehen sei also das „Schwingen im Gleichtakt“ von Neuronen (vgl. ebd.: 242). Deshalb müsse Kommunikation7 als körperlicher Akt verstanden werden. Der Ursprung der Kommunikation seien körperliche Gesten.

Fassen wir zusammen: Metzinger argumentiert für die Virtualität des menschlichen Selbstbildes. Das schließt er daraus, dass man außerkörperliche Erfahrungen machen könne. Zum Beispiel, dass Menschen Phantomerfahrungen mit fehlenden Körperteilen haben können. Diese Erfahrungen könne man durch virtuellen, visuellen Input erzeugen. Das zeige, wie Geist und Körper zusammenhängen: mittels eines Körperemulators in unseren Köpfen. Wenn das stimmt, dann stellt sich die Frage nach dem Fremdpsychischen und der Möglichkeit von Kommunikation. Metzinger beantwortet die Frage, wie Kommunikation möglich ist ,mit der Existenz von Spiegelneuronen und dem Austausch von Informationen mittels physiologischen Kontakts.

4.5 Kritik II
Metzingers Argumentation ist bestechend klar, weist aber einige Schwachstellen auf. Im folgenden werden exemplarisch zwei Kritikpunkte erörtert.

4.5.1 Kommunikationswissenschaftliche Kritik

Was ist Kommunikation? Metzinger versteht als Kommunikation den Austausch von geistigen Inhalten (vgl. ebd.: 244), was aber nur ein spezieller Fall von Kommunikation ist. Kommunikation im allgemeinsten Sinne sei der Austausch von Informationen.

Das ist ein unterdefiniertes Verständnis von Kommunikation. Eschbach/ Eschbach sagten treffend dazu:

Natürlich kann es niemanden untersagt werden, jede Art von Austauschprozeß als Kommunikation zu bezeichnen, so daß die Verständigungshandlung, die Verständigung und das dazu benutzte Mittel begrifflich ineinander übergehen […]. Ob eine solche begriffliche Unschärfe, die jeden Kontakt oder Verkehr zur Kommunikation erklärt, nicht in der Hegelschen Nacht endet, in der alle Katzen grau sind, sei dahingestellt. (Eschbach/ Eschbach 2011: 11f).

Was Metzinger beschreibt ist eben keine Kommunikation. Es zeigt, wie Menschen sich selbst denken, dass sie die Gedanken ihres Gegenübers in sich selbst gefunden haben. Auch hier seien Eschbach/Eschbach erwähnt:

Wenn man sich mit einem andern Menschen verständigen möchte, muß es natürlich zu einem wahrnehmbaren Kontakt hic et nunc kommen, weil wir nicht über das Vermögen der Engel zur intuitiven Verständigung verfügen […]; man sollte sich aber unbedingt vor der ebenso populären wie falschen Gleichsetzung des physiologischen Kontakts der Kommunikationspartner mit dem Verständigungsakt hüten, der sich einer Transkription […] oder Verarbeitung verdankt: Kommunikation vollzieht sich eben nicht in der Art zweier Felsbrocken, die bei einem Erdrutsch miteinander kollidieren, sondern in der Form, daß Wahrnehmungsdaten in Wahrnehmungsurteile umgeformt oder transkribiert werden. (ebd.)

Damit werden beide Extreme der Kommunikationstheorie negiert. Kommunikation ist weder rein geistig, was nach Metzinger in einen erkenntnistheorietischen Solipsismus führen muss, noch ist Kommunikation rein körperlich, was zu den Entgleisungen führt, die Metzinger begeht.

Wahrnehmungsurteile sollen folgend im Mittelpunkt der Kritik stehen. Ein Wahrnehmungsurteil ist die verarbeitete Form von Wahrnehmungsdaten. Die Verarbeitung erfolgt in der Form von Abduktionen. Abduktionen sind nach Peirce:

Presumption, or, more precisely, abduction (which the present writer believes to have been what Aristotle's twenty-fifth chapter of the second Prior Analytics imperfectly described under the name of {apagögé}, until Apellicon substituted a single wrong word and thus disturbed the sense of the whole), furnishes the reasoner with the problematic theory which induction verifies. Upon finding himself confronted with a phenomenon unlike what he would have expected under the circumstances, he looks over its features and notices some remarkable character or relation among them, which he at once recognizes as being characteristic of some conception with which his mind is already stored, so that a theory is suggested which would explain (that is, render necessary) that which is surprising in the phenomena. (CP: 2.776)

Weiter heißt es:

I should tire you if I dwelt further on anything so familiar, especially to every psychological student, as the interpretativeness of the perceptive judgment. It is plainly nothing but the extremest case of Abductive Judgments. (CP: 5.185)

Metzinger beschreibt einen extremen Fall von Wahrnehmungsurteilen: außerkörperliche Erfahrungen (OBE). Bei außerkörperlichen Erfahrungen wird der eigene Körper so wahrgenommen, als ob man ihn von außen betrachte. Metzinger sagt: „In bestimmten Gruppen tritt das Phänomen viel häufiger auf, etwa bei Studenten (25 Prozent), bei Schizophrenen (42 Prozent) und bei Menschen, die von der Realität paranormaler Phänomene überzeugt sind (49 Prozent).“ (Metzinger 2012: 135). Des Weiteren seien solche Erfahrungen keine Halluzinationen, da „die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit, zwischen Wahrnehmung und Illusion dem Patienten subjektiv verfügbar“ (ebd.: 136) ist.

Davon abgesehen, dass Metzinger sich hier widerspricht8, möchte ich eine alternative Interpretation der Statistiken vorschlagen: Selektive Wahrnehmung.

Unter selektiver Wahrnehmung wird hier eine bestimmte Art von Interpretationen der Wirklichkeit verstanden, in der das Subjekt aufgrund bestimmter bewusster Gedanken in ein Wahrnehmungsmuster verfällt. Es sieht das, woran es denkt. Dieses Phänomen ist alltäglich zu beobachten und selbst zu erfahren. Ein typisches (fiktives) Beispiel:

Stellen Sie sich vor, sie gehen shoppen. Sie sehen ein Kleidungsstück, was Ihnen besonders gefällt. Es ist wirklich wie für Sie gemacht, es ist perfekt. Leider übersteigt der Preis dieses Kleidungsstücks völlig ihr Budget. Etwas enttäuscht verlassen sie den Laden.
Die nächsten Tage denken Sie nur noch an dieses Kleidungsstück. Was wird passieren? Ganz einfach: Sie werden viel mehr Menschen sehen, welche dieses Kleidungsstück tragen. Es wird ihnen vorkommen, als ob jeder nun genau dieses Kleidungsstück trägt.

Dieses Prinzip lässt sich auf die von Metzinger angeführte Statistik anwenden. Menschen, die an die Echtheit von paranormalen Phänomenen glauben, sind dazu prädestiniert, Erfahrungen in metaphysischen Kategorien zu beschreiben, da sie selektiv die Merkmale solcher Phänomene wahrnehmen. Schizophrene Personen haben eine Persönlichkeitsstörung. Ihre Identität mit sich selbst ist problematisch. Es liegt nahe, dass solche Personen auch selektiv wahrnehmen und ihren eigenen Körper als Repräsentation ihrer gestörten Persönlichkeit sehen.

Wie Studenten in dieses Bild passen, erschließt sich mir nicht ganz. Es muss jedoch ein qualitativer Unterschied in den gezeigten Ergebnissen der Statistik erwähnt werden. Die Differenz zwischen der prozentualen Verteilung des Vorkommens von OBEs liegt bei Studenten bei 20% und bei Schizophrenen/Personen, die an Paranormales glauben, bei ca. 50%. Diese drei Gruppen identisch zu kategorisieren, halte ich für problematisch.

Diese Kritik lässt sich auf Metzingers Kommunikationsbegriff anwenden. Metzinger behauptet, Kommunikation könne auf rein körperlicher Ebene stattfinden. Das ist falsch. Der Wahrnehmende (Hörer) ist derjenige, welcher seine Wahrnehmung (Geschriebenes, Gesagtes) interpretiert und seine eigenen Schlüsse zieht. Ob die Interpretation dem Gesagten entspricht, bleibt dem Hörer unzugänglich. Die Richtigkeit der Interpretation kann in Feedbackschleifen versucht werden zu minimieren, wenn der Hörer zum Sprecher wird und nachfragt, ob seine Interpretation des Gesagten richtig ist, stehen wir vor dem gleichen Problem mit vertauschten Rollen. Man nennt das Fallibilität der Kommunikation (vgl. Ungeheuer 2004: 16f.).

Metzinger selbst erkennt das, bezieht es aber nur auf nonverbale Kommunikation: „Wir können uns nie wirklich sicher sein, ob unsere wortlose Kommunikation erfolgreich war, und es gibt keine Gewissheit darüber, was es eigentlich war, das wir miteinander geteilt haben“ (Metzinger 2012: 82). Wieder kommt Metzinger in einen leichten Selbstwiderspruch: Kommunikation auf körperlicher Ebene sei möglich und funktioniere, aber wortlose Kommunikation sei problematisch.

Vor dem Hintergrund eines adäquateren Kommunikationsverständnisses stellt sich die Frage, ob Metzinger nicht einen Kategorienfehler begeht, wenn er ständig die Kategorien des Körperlichen und des Geistigen ineinander schiebt.

Zusammengefasst: Metzinger versucht Kommunikation VON einer materiellen Perspektive aus zu beschreiben. Daraus folgen mehrere Fehler wie die Missinterpretation von Statistiken bezüglich OBEs.

4.5.2 Methodische Kritik

Metzingers Argumentation weist an einigen Stellen methodische Unzulänglichkeiten auf. Im Folgenden möchte ich exemplarisch zwei solcher Stellen nennen und Alternativen vorschlagen.

Spiegelneuronen spielen eine zentrale Rolle in Metzingers Thesen und sind ebenfalls im akademischen Diskurs ein kontrovers diskutiertes Thema. Jedoch ist mir jetzt (22.03.2013) trotz eingehender Recherche keine Studie bekannt, die die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen eindeutig belegt. Eine eindeutige Zuordnung von Neuronen im menschlichen Gehirn als Spiegelneuronen gibt es nicht. (s. Mukamel 20109)

Metzinger sagt, dass eine „Vielzahl verschiedener bildgebender Verfahren zeigen, dass das System der Spiegelneuronen nicht nur beim Affen existiert, sondern auch beim Menschen“ (Metzinger 2012: 239). Er nennt jedoch keine Quelle, in der solche Verfahren und ihre Ergebnisse erörtert werden.

Anscheinend meint Metzinger, dass Spiegelneuronen mittlerweile ein Allgemeinplatz sind, der nicht mehr zu belegen ist. Das ist falsch. In der aktuellen Version von Metzingers Argument steht die Existenz der Spiegelneuronen als Annahme im Raum. Somit wird sein Argument spekulativ.

Alternativ wäre es für Metzinger möglich, seine Annahme als solche zu kennzeichnen. Das würde ihn nicht aus dem Raum des Spekulativen führen, aber vermeiden, dass auf Studien verwiesen wird, die dann nicht genannt werden.

In seinem Kapitel über philosophische Psychonautik erzählt Metzinger von mehreren „Fallstudien“. Diese Fallstudien sind Notizen über selbst erlebte, luzide Träume. Ein Vorgehen dieser Art ist äußerst heikel, da rein subjektive Erzählungen (diese Notizen, auch wenn direkt nach dem Aufwachen getätigt, sind nichts anderes) nicht den Ansprüchen der Wissenschaftlichkeit genügen.

Hier schwingt die Annahme mit, dass der Wissenschaftler auf dem Wege der Introspektion einen privilegierten Zugang zu Daten findet. Dass diese Annahme falsch ist, kann man bei Peirce in aller Ausführlichkeit nachlesen (CP: 5.244ff).

Eine Alternative wäre die wissenschaftliche Generierung von Daten mittels qualitativer Methoden. Hierbei würden Menschen, die luzide Träume hatten (oder öfter haben) qualitativ10 befragt werden. Zum Beispiel mittels Interviews, welche anschließend transkribiert werden. Die Transkriptionen können als Daten gesehen werden, welche einer wissenschaftlichen Untersuchung standhalten. Ein Beispiel für ein solches Vorgehen findet man in „Das ist mein Traum“ (vgl. Schmitz: 1992).

Zusammenfassend: Metzingers Argumente stützen sich auf methodisch zu hinterfragende Mittel. Einerseits bezieht er sich auf Quellen, die nicht genannt werden. Andererseits benutzt er höchst subjektive Erzählungen als Grundlage für seine Argumente. Beides könnte besser gemacht werden.

4.6 Ethische Konsequenzen

Der dritte Teil von Metzingers Buch trägt den Titel „Bewusstseinsrevolution“. Es soll hier kurz besprochen werden, jedoch nicht mit der Ausführlichkeit der vorhergehenden Teile, da es nur wenig zur Debatte bezüglich der Konstitution eines „Ichs“ beiträgt, sondern eher die praktischen Folgen in den Fokus stellt.

Das siebte Kapitel trägt den Titel: „Künstliche Ego-Maschinen“. Darin prägt Metzinger den Begriff des „Postbiotischen“, der Maschinen mit bewusstem Ichgefühl bezeichnen soll. Im Folgenden stellt er sich die Frage, „wie man ein künstliches Erlebnissubjekt baut und warum wir es nicht tun sollten“ (Metzinger 2012: 268).

Um ein künstliches Erlebnissubjekt zu bauen, müsse man nur einen Algorithmus entwickeln, welcher ein inneres durchsichtiges Bild von sich selbst habe und dies in seine phänomenale Wirklichkeit einbauen könne. Aus einer Maschine würde dann ein Gegenstand moralischer Überlegungen werden (vgl. ebd.: 270). Metzinger legt mögliche ethische Konsequenzen aus dem Erzeugen künstlicher Erlebnissubjekte dar.

Im achten Kapitel werden „Bewusstseinstechnologien und das neue Bild des Menschen“ betrachtet. Metzinger sagt darin, wir als Menschen könnten unseren Ego-Tunnel nicht verlassen, weil es niemanden gäbe, der ihn verlassen könne (vgl. ebd.: 289). Wenn man von einem Selbst spricht, „dann wäre ein Selbst einfach ein selbstorganisierendes und selbsterhaltendes physikalisches System, das sich auf der Ebene der globalen Verfügbarkeit noch einmal für sich selbst darstellen kann“ (ebd.: 290).

Da Menschen aber von sich selbst und ihrem Ego sprechen, bleibt die Frage, wieso das so ist. Metzinger beantwortet diese Frage wie folgt:

In diesem Sinne ist das Ego die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Im innersten Kern ist das Ego ein System, das der eigenen Existenz einen fast unendlichen Wert beimisst, und die bewusste Einsicht in die eigene Sterblichkeit verletzt dieses Selbstwertgefühl – wobei ein klassischer Gedanke natürlich ist, dass viele unserer kulturellen Aktivitäten letztlich dadurch motiviert sind, dieses Selbstwertgefühl wieder zu erhöhen (ebd.: 294).

Das neunte und letzte Kapitel in Metzingers Buch trägt den Titel: „Eine neue Art von Ethik“. Darin werden ethische Konsequenzen aus der materialistischen Theorie Metzingers abgeleitet. Für das Thema dieser Arbeit ist dies irrelevant und soll deshalb keine weitere Rolle spielen.

In nuce: Metzinger stellt fest, dass es kein Selbst gibt und das komplette menschliche Sein auf das Physikalische reduziert werden sollte. Subjektive Erfahrungen des „Ichs“ seien dabei nichts anderes als ein Aufbäumen gegen eine mögliche Entzauberung der Welt.

4.7 Fazit

Metzinger versucht mit seinen Thesen zu zeigen, dass etwas wie ein „Selbst“ oder ein „Ich“ nicht existiert. Doch was macht er wirklich? Metzinger sagt: „Da ist niemand innerhalb des Systems, der sich irren oder sich mit irgendwas verwechseln könnte – den homunculus gibt es nicht.“ (ebd.: 292).

Das „Ich“ wird mit einem homunculus gleichgesetzt, was aber der falsche Ansatz ist. Wenn das „Ich“ ein homunculus wäre, dann hätte Metzinger recht und seine Suche nach einer Entität im Hirn, was man als „Ich“ ausmachen könnte, wäre komplett richtig. Aber die Annahme ist falsch. Man merkt das besonders daran, dass Metzinger selbst nicht ohne eine Verschleierung des „Ichs“ auskommt.

Was ist der „Ego-Tunnel“? Wird hier nicht ein einfacher Etikettenschwindel betrieben? Ist der Ego-Tunnel nicht genau das „Ich“, wie es schon rein sprachlich nahegelegt wird? Ich halte das für einen handfesten Anhaltspunkt, dass Metzinger hier als Krawallthesen-Wissenschaftler agiert: Eine kontraintuitive These wird postuliert, um dann immer weiter zurück zu rudern. Wenn man den Ego-Tunnel mit dem „Ich“ identifiziert, dann sind Metzingers Thesen eine vortreffliche Analyse der Gegebenheiten, ihnen fehlt aber jegliche Pointe.

1 Ich bin mir nicht sicher, ob es der Witz in Metzingers Kapitel sein soll, dass er ihm den Untertitel „Worüber wir nicht sprechen können“ gibt, aber im Folgenden nicht ein einziges Mal Wittgenstein erwähnt. Man könnte annehmen, dass Metzinger kein Wittgenstein-Kenner ist. In seiner Einleitung zum Werk „Der Ego Tunnel“ bezieht er sich aber explizit auf die analytische „Tradition Gottlob Freges und Ludwig Wittgensteins“. Und ist die Pointe des Tractatus nicht gerade, dass man darüber schweigen muss, wovon man nicht sprechen kann? Entweder ist mir der Witz eines solchen Vorgehens entgangen, oder wir haben es mit einer großen Inkonsequenz zu tun.
2 Entfernt erinnert die Idee an die Bemühungen, welche aus dem Wiener Kreis entsprungen sind, welche versuchten, eine absolut definierte Wissenschaftssprache zu kreieren. Beide Versuche scheitern im Endeffekt an den gleichen Problemen.
3 Verzeichnung meint den Vorgang, in dem wir die Welt mittels Abduktionen in Form von Zeichen wahrnehmen und verstehen.
4 Ich möchte eine Lanze für Metzinger brechen. Der Umgang mit Themen, die esoterisch konnotiert sind, fällt den meisten Wissenschaftler sehr schwer. Deshalb werden solche Themen gemieden. Metzinger untersucht sie aber mit wissenschaftlicher Seriosität und nutzt sie als Erkenntnisquelle.
5 Metzingers Terminologie erinnert an Bühlers Ich-Jetzt-Hier-Origo. (Bühler 1999; 121ff.)
6 Seine Grundlage sind eigene Beschreibungen von luziden Träumen, sowie Selbstbeschreibungen anderer Wissenschaftler.
7 Mit Kommunikation meint Metzinger hier den materiellen Austausch von Informationen.
8 Die Einsicht in den Erscheinungscharakter des Ego-Tunnel bleibt den Menschen verborgen. Für OBEs ist sie jedoch zugänglich.
9 Die Studie behauptet von sich, dass Spiegelneuronen bei Menschen gefunden wurden. Bei genauem Lesen merkt man jedoch, dass lediglich neuronale Aktivität beobachtet wurde, welche man Spiegelneuronen zuordnen könnte. Meine Interpretation weicht von der Interpretation von Mukamel et al. ab.
10 Qualitative Methoden bieten sich an, da die Subjektivität des Erlebens der Träume damit erfasst werden kann.