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Freitag, 14. August 2015

2 In der Tradition des Behaviorismus: Kritik an R. D. Precht

2 In der Tradition des Behaviorismus: Kritik an R. D. Precht

Precht, der neue Fernsehphilosoph des ZDF, ist nach Angaben der Bildzeitung der „bedeutendste Philosoph Deutschlands“. Sein Buch „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“ geht auf die 40. Auflage zu. Doch wie steht es um seine Philosophie? Folgend möchte ich die Passage aus seinem Werk, die das Ich behandelt, analysieren.

2.1 Naiver Materialismus

Der Kern der Kritik an Prechts Argument betrifft seinen „naiven Materialismus“. Mit „naivem Materialismus“ sind Thesen gemeint, die eine monokausale Beziehung zwischen physikalischen und psychologischen Zuständen behaupten. Bei Precht lässt sich diese Art von Argument auf einen radikalen Behaviorismus zurückführen. Zum Beispiel, wenn er sagt: „[D]ie Psychologie ist, wie Sie vermutlich wissen, eine Naturwissenschaft, und Naturwissenschaften sehen gemeinhin nur das als real an, was sie sehen, hören oder messen können“ (Precht 2007: 65).

Im Gegensatz zu Prechts Argument darf eine seriöse Psychologie das erlebende Subjekt nicht bloß als black box (vgl. Heil 2009: 66) begreifen, welche von außen beobachtet wird. Diese Praxis endet darin, dass man immer, wenn Störungen1 in der black box auftreten, von internen Inferenzen gesprochen wird. Diese sammeln sich so lange an, bis die Komplexität eines menschlichen Geistes erreicht ist. Und in dem Moment wird eine behavioristische Theorie redundant. Deshalb sollte nicht auf einer radikalen Beobachterperspektive bestanden werden.

Precht geht in seiner Argumentation noch einen Schritt weiter und sagt:

Das Empfindungsleben des Körpers und das Vorstellungsleben des Geistes bestehen aus ein und demselben Stoff. […] Alles, was es in der Welt gibt, besteht aus den gleichen Elementen. Treten sie im Gehirn auf, nennt man sie »Empfindungen«, aber das macht sie nicht zu etwas allzu Besonderem. (Precht 2007: 63f.)

Dieses Argument ist prinzipiell nicht verkehrt. Der daraus gezogene Schluss ist aber falsch: „Es gab kein Ich im menschlichen Gehirn, es gab nur einen Wust von Empfindungen im regen Austausch mit den Elementen der Außenwelt.“ (ebd.) Ein üblicher Schluss für Anhänger von physikalistischen Theorien, der sich aber vermeiden ließe, wenn man die Erkenntnisse der modernen Physik beachten würden. So hat S. Hawking einen wirklich erhellenden Gedanken bezüglich der physikalischen Körperlichkeit komplexer Wesen geäußert.

2.2 Einwände der Physik

In seinem Werk „Der große Entwurf“, beginnt Hawking mit den Worten: „Die Philosophie ist tot“. Worte, die an Provokation kaum zu übertreffen sind. Besonders hinsichtlich der Tatsache, dass Hawking anschließend ein im Kern rein philosophisches Buch präsentiert. Und seine Thesen sind sehr fruchtbar.

Er stellt sich die Frage, wann ein Wesen freien Willen hat. Die Fragen nach dem freien Willen des Menschen wird nicht direkt gestellt, sondern von Außerirdischen oder Robotern von identischer Komplexität wie ein Mensch gestellt. Auf den ersten Blick vielleicht redundant, verbirgt sich eine argumentativ geschickte Strategie dahinter. Da nicht von Menschen gesprochen wird, werden Ressentiments eliminiert, die aufkommen könnten, wenn der freie Wille des Menschen auf dem Spiel steht.

Die physikalische Körperlichkeit des Menschen zu negieren ist falsch. Wir sind körperliche Wesen, aus den selben Atomen, wie alles in der Außenwelt auch.

Um zu verstehen, wieso aus dem eigenen Lagern die Existenz eines freien Willen bestritten wird, soll nun das Gedankenexperiment des laplace'schen Dämons dienen. Dieses Gedankenexperiment besagt, dass der laplace'sche Dämon den genauen Aufenthaltsort jedes Teilchens im Universum kenne: „Ist der Zustand des Universums zu einem gegebenen Zeitpunkt bekannt, werden die Zukunft und die Vergangenheit durch einen vollständigen Satz von Gesetzen restlos bestimmt.“ (Hawking 2011: 33). Teilchen haben keinen freien Willen. Reduziert auf unseren Körper hieße das: Wenn ich alle Teilchen des Körpers und ihren Aufenthaltsort kennen würde, dann wüsste ich, was der Körper als nächstes tun würde, da die Zukunft nichts anderes sei, als die Bewegung der Teilchen. Und diese sei determiniert.

Hawking gibt zu bedenken:

Wie können wir entscheiden, ob ein Wesen einen freien Willen besitzt? […] Wir können noch nicht einmal die Gleichung für drei oder mehr miteinander wechselwirkende Teilchen exakt lösen. Da ein Außerirdischer von der Größe eines Menschen […] rund tausend Billionen Billionen Teilchen enthielte, könnten wir die Gleichungen unter keinen Umständen lösen und vorhersagen, was er tun würde. Deshalb müssen wir sagen, dass jedes komplexe Wesen einen freien Willen hat, womit wir keine fundamentale Eigenschaft postulieren, sondern eine praktische Theorie formulieren, mit der wir eingestehen, dass wir die zu Vorhersagen seiner Handlungen erforderlichen Rechnungen nicht durchführen können. (ebd.: 175)

Veranschaulichen kann man dieses Phänomen auch an einem ganz alltäglichen Beispiel: Ich gehe zu meinem Schrank und hole eine CD mit Chopins Klavierkonzert Nr. 1 heraus. Eine CD ist ein optischer Datenträger, welche die Informationen in Form der Zahlen 0 und 1 gespeichert hat. Dies sind dabei nur Repräsentationen der eigentlichen Information, welche darin besteht, dass ein Ort auf der CD entweder markiert ist oder nicht. Diese Form der Information ist für das menschliche Auge erkennbar. Hält man eine CD im richtigen Winkel, kann man sehen, wo der Datenträger markiert ist. Man könnte mit einem geeigneten Programm die auf der CD enthaltenen Informationen in eine visuelle Form bringen, die den Bildschirmen in der Film Trilogie „Matrix“ entspricht. Wunderschöne neongrüne 0er und 1er auf schwarzem Hintergrund. Ein solches Bild birgt seine ganz eigene Ästhetik, aber es kann daraus nicht auf die Empfindungen geschlossen werden, die jemand hat, wenn der Chopin hört. Der Übergang von 0er und 1er zu einem auditiven Erlebnis mittels eines geeigneten Abspielgerätes, ist der erlebte Übergang von der Einfachheit hin zur Komplexität2.

Das Bild, welches sich daraus ergibt ist also:

If you take such a view seriously, you will see the world as stratified into levels: higher levels depending on, but not reducible to, lower levels. Physics is concerned with what we take to be the lowest, most basic level – although it remains an open question whether there is a lowest level. (Heil 2009: 188)

Bezogen auf Prechts Argumentation heißt das, dass die Teilchen im Gehirn die gleichen sind wie in der Außenwelt. Aber ihre Zusammensetzung macht sie zu etwas Besonderem.


2.3 Fazit

Fassen wir die Kritik an Prechts Argumentation zusammen: Im Werk „Wer bin ich und wenn ja wie viele“ wird im Kapitel „Die Mach-Erfahrung“ eine Argumentation präsentiert, die die Existenz eines „Ichs“ bestreitet. Im Gegenzug wird ein naiv materialistisches Argument als Alternative angeboten. Dieses Argument reduziert alles Geistige auf materielle Vorgänge im Gehirn. Alles, was in Begriffen des Geistigen beschrieben wird, müsste auch in materiellen Begriffen beschrieben werden können. Da es kein „Ich-Zentrum“ (Precht: 2007: 67) gibt, gibt es also auch kein Ich.

Als Ehrenrettung möchte ich aber anführen, jede Arbeit muss bezüglich ihrer Zwecksetzung beurteilt werden. Prechts Ziel ist es nicht, einen Beitrag zum akademischen Philosophie-Diskurs zu liefern. Er hatte viel mehr das Ziel, philosophische Denkanstöße für die Allgemeinheit3 zu liefern. Wenn ein Buch in der 32. Auflage erschienen ist, dann ist es dem Autor gelungen, in der Allgemeinheit A zu finden. Als Wissenschaftler sollte man jedoch auf der Hut sein.

Wenden wir uns im Folgenden den egoistischen Genen von R. Dawkins zu.

1 Gemeint sind Beobachtungen, die nicht in das Erklärungsmuster passen.
2 Dies geschieht in einer triadischen Relation.
3 Salopp gesagt: die/ der einfache Frau/ Mann auf der Straße.

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