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Freitag, 24. Juli 2015

Wie der #dadbod das Schönheitsideal vom Thron stürtzt


Wie der #dadbod das Schönheitsideal vom Thron stürtzt


Im Folgenden möchte ich das gesellschaftliche Schönheitsideal ad absurdum führen.

0.
Point de départ ist, dass Menschen, die dem Schönheitsidealentsprechen als Attraktiv gelten. Menschen, die als attraktiv gelten, sind begehrter und haben bessere Chance auf dem „Beziehungsmarkt“.

1.
Ich mag Carolin Kebekus nicht. Ich finde die meisten ihrer Charaktere sind irrelevant. Oder wie man im Jargon sagt: Ausgelutscht. Dennoch hat Frau Kebekus – im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Comedians – eine Daseinsberechtigung. Sie spricht auch kritische Themen an. Sie hinterfragt gängige Klischees, statt wie manche ihrer Kollegen, nur diese Plattitüden zu widerholen.  Absoluten Respekt zolle ich ihr für ihren Auftritt in der Anstallt:

https://www.youtube.com/watch?v=J4Ltw1ZA9ho


2.
Zurzeit geistert ein Modewort durch die sozialen Medien. Der #dadbod.
Der Dad Bod ist eine Abkürzung für Dad Body – der Vaterkörper. Denn ähnlich wie Frauen, sind Männer auch Schwanger. Das Couvade-Syndrom beschreibt diesen Zustand: „Nicht nur viele Frauen zeigen während der Schwangerschaft körperliche und seelische Symptome – zuweilen haben ihre Partner ganz ähnliche Beschwerden. Noch ­rätseln Wissenschaftler, ob eine ­Hormonumstellung oder allein psychische Faktoren dafür verantwortlich sind.“[1]
Der Dad Bod wird von dem archetypischen Mann in dem Sinne verstanden, dass er nun Fett sein darf. Natürlich geht es dabei um etwas völlig anderes: Männer die als Familienväter aus diversen Gründen nicht dem gängigen Klischee des Idealkörpers entsprechen.
Natürlich entwickelte sich schnell das weibliche Pendant dazu. Der Mom Bod. Wobei ich wenig bis keine Frauen gesehen habe, die ihren körper, so wie er nach einer Schwangerschaft aussieht gerne zeigen. Was sie – siehe 1. – jedoch sollten.

3.
Der Körper, vor allem der weibliche Körper, ist durchweg semiotisiert. Das Bedeutet, dass der weibliche Körper immer in einen Kontext eingebunden ist und deshalb eine bestimmte Bedeutung hat. Brüste sind nicht nur einfach Brüste, sondern (in unserer heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft) ein Sexsymbol.
Die Semiotisierung geht mit einer Konnotation einher. Die Brust an sich ist sexualisiert, unterliegt aber eine Bewertung. Es gibt ein Ideal (oder mehrere Ideale), anders gesagt: Es gibt die perfekte Brust. Diese Brust ist „sexy“, sie mag groß oder klein sein, echt oder chirurgisch manipuliert, das sind Detailfrage die dem persönlichen Fetisch unterliegen.
Überwiegend unterliegt der weibliche Körper dem Ideal der Jugend. Anti-Ageing-Produkte beherrschen seit Jahren den Markt. Keine Falten, keine grauen Haare, keine Makel.  Dieser von der Jugend geprägte Körper ist das Ideal. Als wenn es eine Blaupause für die perfekte Frau gibt, wird das Ideal zur Ikone erhoben, die wie eine divine Instanz jedem, der nicht ihrem Ebenbild entspricht der Sünde straft.
Obwohl viele anderer Meinung sind, denke ich man kann dieses Schema mutatis mutandis auch auf Männer beziehen.

4.
Die neueste Erkenntnis auf dem Markt ist: Männer mit Dad Bod sind für Frauen auch attraktiv. Als ob jeder Mann, der keinen Sixpack hat daheim vereinsamen würde. Die Entsprechnung des Wunsches nach Normalität spiegelt sich in diesen Verhalten wieder. Jeder Mensch hat das Bedürfnis die allgemein akzeptierte Norm zu erfüllen. Die Norm (auch wen kontra-empirisch) ist das Zusammenleben in Paarbeziehungen. Ebenfalls strebt man dazu, dem Schönheitsideal zu entsprechen, immerhin wird es uns oft genug eingeprügelt.

Jetzt entsteht ein Spannunsgfeld: Wir wollen einen Partner, auf den wir uns einlassen können, der uns vielleicht auch entspricht – ebenfalls wollen wir einem ideal entsprechen, welches wir nicht, oder nur unter großen Entbehrungen erreichen können. Das verträgt sich nicht.

5.
Generell basiert das komplexe Problem, auf mehreren Füßen:
·         - Man fühlt sich gesellschaftlich nicht akzeptiert
·         - Man wäre gesellschaftlich akzeptiert, wäre man dünner
·         - Ein dünnerer Partner wäre gesellschaftlich akzeptierterer als man selbst
·         - Man wäre weniger akzeptiert, wenn man dicker wäre
·         - Ein Partner wäre gesellschaftlich weniger akzeptiert, wenn er dicker wäre.

Und jetzt kommt die Prämisse, die des Pudels Kern bildet:

·       -  Wenn mein Partner dicker wäre, wäre er gesellschaftlich weniger akzeptiert, weshalb er mich umso mehr akzeptieren müsste, sogar wenn ich mich nicht akzeptiert fühle.

Attraktivität als Maßeinheit für zwischenmenschliche Beziehungen ist in diesem Falle völlig absurd, da je attraktiver ein Partner ist, desto weniger wohl fühlt sich der andere, was wiederum schädlich für die Beziehung ist. Der Wunsch nach Normalität spiegelt hier den Wunsch nach Durchschnitt wieder, nicht nach Ideal. Das, was als Atrraktiv gilt, ist in seinem Kern unattraktiv, da durch seine Idealisierung & Ikonisierung beängstigend. Das Normale spendet Sicherheit, man fühlt sich wohl. Damit ist der Normale im eigentlichen Sinne begehrenswerter als der Attraktive. Das Ideal ist demnach völlig absurd und widersinnig.



[1] http://www.spektrum.de/news/couvade-syndrom-wenn-maenner-schwanger-sind/1316542

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