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Freitag, 17. Juli 2015

Hunde essen! Oder: Die Irrungen und Wirrungen zeitgenössischer Ernährung

Hunde essen!
Oder: Die Irrungen und Wirrungen zeitgenössischer Ernährung

Im chinesischen Yulin findet jährlich das „Hundefleischfestival“ statt. Dabei werden Hunde im fünfstelligen Bereich getötet und verspeist. Im Folgenden soll es darum gehen, warum das Medienecho in Massen- und Sozialmedien falsch und heuchlerisch ist.

Nach chinesischer Tradition ist es in Südchina üblich, zur Sommersonnenwende ein Fest zu veranstalten, bei dem Hunde gegessen. Dies zieht immer wieder starke Kritik auf sich. Die Kritik bezieht sich darauf, dass Hunde in grausamer Art und Weise getötet und gegessen werden.
Ich möchte hier 2 Kritikpunkte differenzieren:

A: Das verspeisen von Hunden
B: Unwürdiges Töten von Tieren

Ich denke, dass Punkt A zur Prominenz des Falls mehr beigetragen hat, als Punkt B. Zwar leben wir in einer Zeit, in denen es en vouge ist, sich für Tierrechte einzusetzen und Fleischkonsum aus „moralischen Gründen“ zu entsagen. Jedoch vermute ich, dass es weniger Trubel um ein Hühnerfest oder Rinderfest gegeben hätte. Faktisch muss sagen festhalten, dass der unwürdige Umgang mit Tieren mediales Echo bekommt, aber bei weitem nicht so prominent, wie das Hundefest.

Diese Tatsache zeugt von einer tiefen Doppelmoral. Es sei demnach nicht ok Hunde so zu töten und es sei auch nicht ok andere Tiere so zu töten, aber letztes tangiert uns nicht so sehr. Im Gegenteil: Wenn Stämme der Massai Rinderadern anritzen, das Rinderblut abzapfen und trinken[1], dann sind es Bilder einer interessanten BBC-Dokumentation, keine reißerischen Headlines auf den Facebookportalen der Boulevardblätter, sondern wirbt zur Teilnahme als „Abenteuerurlaub“.

Wenn man ehrlich ist, dann spielt hier nur der Faktor, dass Hunde bei uns Haustiere sind eine Rolle. Die Grenze zwischen Haustier und Nutztier wurde reißerisch ausgenutzt um Leute zu empören. Empörung erzeugt Klicks. Klicks kann man vermarkten.  Mitgefühl wird ausgenutzt um Profit zu erzeugen. Das zieht natürlich, kann nur dort kritisch Hinterfragt werden, wo Emotionen kühl bleiben. Nichtsdestoweniger:

Täglich werden unzählige Tiere auf grausame Art und Weise getötet um verspeist zu werden. Was ist mit denen? Haben die unser Mitgefühl nicht verdient?

Und vor allem: Spielt es überhaupt eine Rolle, wie man getötet wird? Das möchte ich aber gerade offen lassen. Ich möchte nur anmerken, dass es sich lohnt, auf das eigene Konsumverhalten zu schauen, bevor man andere verurteilt.

Massentierhalten als neoliberales Gewinngeschäft nutzt Tiere systematisch als Resource, optimiert Fleisch- und Milcherzeugung bis ins unwürdige und ist ökologisch mehr als fragwürdig. Sind wir also besser, nur weil wir keine Hunde mit unseren Händen töten? Das mag jeder für sich selbst beantworten.

Zwangsläufig müsste man in diesem unsicheren Fall eine konservative Handlungsempfehlung aussprechen. Am besten gar kein Fleisch zu essen? Das ist aber auch keine Lösung. Sarah Wiener, die begnadete Köchin und Intelektuelle der deutschen TV-Kochszene sagt dazu:

[…] trotzdem wird dieser Gastbeitrag kein Aufruf, sich dem Trend zur veganen Ernährung anzuschließen. Denn leider rettet auch sie nicht die Welt. Sie garantiert noch nicht einmal eine gesunde und nachhaltige Ernährung.  […]
Vegane Ersatzprodukte sind ein Tor für die Nahrungsmittelindustrie, um noch mehr künstliche, stark verarbeitete Lebensmittel minderer Qualität auf den Markt zu werfen. Aber je gezielter und selbstverständlicher wir unsere Nahrungsmittel nach unserer Vorstellung kreieren, desto mehr entfernen wir uns von der Natur – und damit von unseren Wurzeln. Für mich stellt sich durchaus die Frage, ob es nicht unser Schicksal ist, auch Tiere zu essen – weil wir Allesfresser sind, weil wir bestimmte tierische Enzyme brauchen, um gesund zu bleiben und weil der Tierdung unsere Felder düngt. Doch eines muss klar sein: Unsere Bestimmung ist sicher nicht, Tiere wesensfremd zu halten und zu füttern – und ihnen keinen würdevollen Platz als Mitgeschöpfen einzuräumen. [Unterstreichung von mir, PB]


Wenn man das ernst nimmt, folgt daraus:

1. Es ist nicht ok, dass Tiere unter unwürdigen Umständen gehalten und geschlachtet werden.
2. Es ist ok, wenn Tiere unter würdigen Umständen gehalten und geschlachtet werden.
3. Es ist nicht ok, dass einzelne Fälle als Stellvertreter pars pro toto verurteilt werden und gegen den Rest nichts passiert. Es ist sogar kontraproduktiv, da diese Stellvertreter im Sinne eines red herring von den eigentlichen Problemen ablenken.






[1] Ich enthalte mich hier der jeder Wertung gegenüber den Massai. Ich spreche nur über das Mediennutzungsverhalten der Menschen, die ich beobachten kann. 

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