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Freitag, 31. Juli 2015

1. Einleitung








Wenn nun also ein Mensch schon dazu vorschreitet, die eingebildete Einheit des Ichs zur Zweiheit auszudehnen, so ist er schon beinahe ein Genie, jedenfalls aber eine seltene und interessante Ausnahme. In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. Daß jeder einzelne dies Chaos für eine Einheit anzusehen bestrebt ist und von seinem Ich redet, als sei dies eine einfache, feste geformte, klar umrissene Erscheinung: diese, jedem Menschen (auch dem höchsten) geläufige Täuschung scheint eine Notwendigkeit zu sein, eine Forderung des Lebens wie Atemholen und Essen.“ - Hermann Hesse; Der Steppenwolf.










1 Einleitung

Was ist das Ich? Diese Frage ist keine Erfindung der (Post?)Moderne. Schon Harry Haller, der Protagonist in Hesses Roman „Der Steppenwolf“ fragt sich, welche Struktur das Ich hat. Wie in dem dieser Arbeit vorangestelltem Zitat gezeigt, nimmt Haller nicht an, dass das Ich keine Einheit ist, sondern ein Mosaik. Das zeigt sich im Roman besonders anschaulich, als Haller im magischen Theater sich selbst in einem Spiegel sieht, aber nicht sich sieht, sondern viele verschiedene Personen, die alle er sind.

Doch auch die expressionistischen Literaten des frühen 20. Jahrhunderts waren nicht die ersten, die sich dem Thema des Ichs gewidmet haben. Foucault (1983) zeichnet in einer Vorlesung an der Universität Berkeley (in seiner typischen Art der Archäologie des Wissens) die Wurzeln der „Culture of the Self“ (wie bei eigentlich jedem philosophischen Thema) bis zu den alten Griechen zurück, namentlich Platon.

Durch die Fokussierung der Wissenschaft auf das menschliche Hirn, in der Art einer verschrobenen Psychophysik unter dem Decknamen der Neuro- oder Kognitionswissenschaft, wurde die Frage nach dem Ich im 21. Jahrhundert neu erfunden – und in der Art, wie La Place Napoleon antwortete, räumen die Neuro- und Kognitionswissenschaftler das Ich mit den Worten bei Seite: „Diese Hypothese habe ich nicht nötig.“. Dass sie dabei in die selbe Falle tappen, an dem schon der Behaviorismus zu Grunde gegangen ist, merken sie nicht.

Diese Arbeit hat das Ziel, eine Grundlage für die Antwort auf die Frage zu geben, was das Ich ist. Es wird hierbei aus einer semiotischen Perspektive argumentiert, jedoch werden auch Felder der Psychologie, Philosophie des Geistes und Kommunikationswissenschaft tangiert.

Mein Vorgehen ist dabei mehr als bricolage (Bastelei) zu sehen, wie es Derrida in Bezug auf Lévi-Strauss sagt:

Der Bastler, sagt Lévi-Strauss, ist derjenige, der »mit dem, was ihm zur Hand ist«, werkelt. Diese Werkzeuge findet er in seiner Umgebung vor und kann sich ihrer sogleich bedienen, sie sind schon da, wenn sie auch nicht speziell für das Vorhaben entworfen wurden, für das sie jetzt verwendet werden und für das man sie behutsam zuzurichten versucht […]. (Derrida 2007: 125)

Elementare Bausteine meiner Thesen sind Beobachtungen aus dem Alltag, verschiedener Wissenschaften und Fragmente von Theorien, die in eine kohärente Form gebracht werden.

Wir werden also vom „Ich“ sprechen.

1.1 Abriss zur aktuellen wissenschaftlichen Lage
In den letzten Jahren sind zunehmend Neuro- und Kognitionswissenschaften ins Zentrum des Diskurses über „Bewusstsein“ und „das Selbst“ gerückt. Diese Forschung hat gute Ergebnisse geliefert. Nichtsdestotrotz verhält es sich im Falle der Neuro- und Kognitionswissenschaften nicht anders als bei anderen, neu aufblühenden Zweigen von Wissenschaften: Sie kommen mit Heilsversprechen daher, die am Ende nicht eingehalten werden können. Es werden Krawallthesen formuliert, wie zum Beispiel, dass kein freier Wille existiert (van Inwagen 1986). Gleichzeitig wird die Existenz eines „Ich“ (Metzinger 2012) oder eines „wahren Selbst“ (Precht 2007) negiert. Es wird behauptet, dass Egoismus (Dawkins 2010) oder die Sprache (Pinker 1996) angeboren seien.

Solche hanebüchenen Thesen halten einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand. In dieser Arbeit sollen solche, aus einer behavioristischen Tradition stammende Theorien kritisiert und eine neues, plausibles Argument aufgebaut werden. Das Vorgehen sieht dabei vor, dass zuerst exemplarisch die Theorien von T. Metzinger, R. Dawkins und R. D. Precht kritisiert werden. Anschließend wird eine semiotische Grundlage geschaffen und darauf aufbauend (und aus der Kritik heraus) eigene Argumente erschaffen.

1.2 Ziele und Nutzen

Hesses „Steppenwolf“ ging nicht nur als herausragender Roman des Expressionismus in die Literaturgeschichte ein, sondern auch als ein detailliertes Psychogramm des Protagonisten Harry Haller. Der Roman schafft es, das Seelenleben Hallers erschöpfend darzustellen.

Die Darstellung des Ich eines Menschen ist nicht nur für die Literatur interessant. Eine wissenschaftliche Betrachtung dieses Phänomens erscheint als vielversprechendes Unterfangen. Und erste Schritte in diese Richtung möchte ich hiermit tun.

Diese Arbeit liefert keine ins letzte Detail ausgearbeitete Theorie. Sie ist eine Grundlegung, auf welche weitere Gedanken aufbauen können. Diese Gedanken könnten sein: Wie kann man die frühkindliche Entwicklung des Ichs und des Selbstbewusstseins stärken? Welche Rolle spielt die Semiose des Ichs bei Ich-Störungen und psychischen Erkrankungen?

Das konkrete Ziel ist es, einen Satz von Thesen zu konstruieren, die in sich schlüssig und plausibel sind und sich in der Anwendung überprüfen lassen.

1.3 Explizite Fragestellung

Explizit sollen drei Fragen beantwortet werden:

(F1) Was ist das Ich?
(F2) Wie entsteht das Ich?
(F3) Wie kann sich das Ich im Laufe des Lebens verändern?

Es folgt die Kritik am Werk R. D. Prechts.

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