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Dienstag, 16. Juni 2015

Rasse & Art

Rasse & Art
von Paul Bosek, Bottrop, 16.06.15

Der Fall der amerikanischen Rachel Dolezal schlägt aktuell große Wellen in den internationalen Medien. Es geht dabei um eine Frau, die sich als „Schwarze“ ausgegeben hat, obwohl sie ihrer Abstammung nach (Eltern aus DE & CZ) eine „Weiße“ war.

Im Folgenden möchte ich darlegen, wieso es kein Problem und dieses Verhalten analog zur Unterscheidung von „Sex“ & „Gender“ zu verstehen ist. Des Weiteren möchte ich am Vorbild „Sex“ & „Gender“ die Kategorien „Race“ & „Art“ definieren. Die Idee kam mir, deim Lesen des Artikels „Die Grenzen der Identität“ von L. Hommerich[1]. Sie schreibt dort:

Auf den ersten Blick scheint es sich bei Race und bei Gender um zwei ähnliche Konzepte zu handeln:
Die Geschlechtsidentität ist sozial konstruiert, denn was in einer Kultur jeweils als männlich und als weiblich gilt, ist erlernt. Wir internalisieren diese Zuschreibungen und nehmen in unserem Alltag Bezug auf sie.

Das ist meiner Ansicht nach falsch. Es handelt sich dabei um einen Kategorienfehler. Zur Erläuterung betrachten wir die Kategorien „Gender“ & „Sex“:

1. Bei „Gender“ handelt es sich um das „soziale Geschlecht“, welches sozial konstruiert ist.

2. Bei „Sex“ handelt es sich um das vermeintlich „biologische Geschlecht, welches auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale verweist.

Für Hommerich handelt es sich bei „Race“ um eine sozial konstruierte Kategorie:

Auch die Kategorie "Rasse" ist sozial konstruiert. In der Biologie ist das angebliche Vorhandensein von "Rassen" längst widerlegt. Wenn auf Englisch von "Race" die Rede ist, ist damit eine sozialpolitische Zuschreibung gemeint: Rassen gibt es nicht, Rassismus dagegen schon - und ob eine Person als schwarz oder weiß wahrgenommen wird, spielt noch immer eine Rolle für ihren Alltag.

Prinzipiell ist der Ansatz sehr interessant und deutet in die richtige Richtung. Jedoch übersieht Hommerich hier, dass die Kategorie „Sex“ in der Unterscheidung von „männlich“ und „weiblich“ auch schon wiederlegt ist[2]. Dennoch gibt es Sexismus. Und ob eine Person als Mann oder Frau wahrgenommen wird, spielt noch immer eine Rolle für ihren Alltag – da reicht meist schon ein Blick in die Geldbörse.

Wir stellen also die Begriffe „Sex“ und „Race“ nebeneinander. Die Kategorie "Race" ist nicht mit der Kategorie "Gender" zu vergleichen. "Gender" ist das sozial konstruierte Pendant zu "Sex" - also müssten "Race" und "Sex" auf der einen Seite stehen, auf der anderen "Gender" und die sozial Konstruierte "Race". Meines Wissens gibt es dafür keinen Begriff. Deshalb möchte ich es „Art“[3]
nennen. Daraus folgt:

Race                      ↔         Art
Sex                        ↔         Gender

Die „Art“ ist nichts Unbekanntes. In der Popkultur gibt es Beispiele für die Identifizierung mit einer anderen „Race“. Prominent gemacht hat Gwen Steffani die Bewegung der „Wapanese“. Ein Kofferwort aus „White“ und „Japanese“. Das bezeichnet amerikanische „Weiße“, die sich geben, wie „Asiaten“, vornehmlich „Japaner“. Ein anderes Beispiel wären die „Wigger“. Hierbei handelt es sich im einen abwerteten Begriff, der für amerikanische „weiße“ Jugendliche verwendet wird, die sich wie „Schwarze“ geben. Dazu würde wohl für viele Amerikaner auch der Fall Rachel Dolezal zählen.

Es ist klar, dass in einer Welt, die Authentizität als Wert an sich versteht, die Idee, jemand könnte seine Rasse frei wählen zu viel Irritation führt. Doch so einfach ist es nicht. Man „wählt“ nicht einfach. Jeder Mensch fühlt sich durch innere und äußere Umstände dazu notwendiger Weise gezwungen einem bestimmten Kreis von Menschen anzugehören. Oder wie Rachel Dolezal es in einem Interview mit der Time sagt: „
The decisions I’ve made along the way, including my identification, have been to survive.“[4]

Man könnte anmerken, dass die Tatsache, dass Dolezal 2002 die Howard Universität verklagte, weil sie sich als „Weiße“ diskriminiert fühlte, dass komplette Argument ad absurdum führt. Tut es aber nicht. Hier sei das Phänomen der selektiven Wahrnehmung angeführt[5]: Wer sich mit seiner „Race“ beschäftigt, sich vielleicht unsicher fühlt, der ist viel sensibler für dessen Belange (Diskriminierung etc.).

C. Annan, Fußballspieler der Nationalmannschaft von Hong Kong, sagt in meinem Interview mit der South China Morning Post: „Once we are on the field of play, it does not matter which colour we are, black, white or whatever as long as we are members of the Hong Kong team," said the Ghana-born player.“[6]

Warum kann Frau Dolezal keine „Schwarze“ sein? Ebenso, wie die archetypischen Merkmale von Männern und Frauen nicht per Gnade der Geburt einem Menschen inhärent sind, sind es genauso wenig die archetypischen Merkmale einer „Race“. Diese Merkmale sind erlernbar. Ein großartiges Beispiel dafür ist A. Goffmans Studie „On The Run“. Goffman lebte als teilnehmende Beobachterin in einem Armenviertel in Philadelphia. M. Hochgeschwender fasst in der FAZ zusammen:

Als weiße Frau, als Jüdin, als Angehörige der akademischen Elite lebte sie als fremde Beobachterin inmitten einer anfangs vollkommen unverständlichen Welt, wie einst Bronisław Malinowski unter den Trobriandinsulanern. […] Zwar blieb sie sich ihrer Fremdheit bewusst und entwickelte Strategien, sich als eine Art asexueller Buddy unter den Gangmitgliedern zu etablieren und sich dort beobachtend und protokollierend zu bewegen […].[7]

Goffman beweist damit  die Unterscheidung von „Race“ und „Art“, denn die „Art“ wird nur durch Handlungen definiert, nicht durch Gnade der Geburt an einem bestimmten Ort von bestimmten Menschen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass nichts Verwerfliches daran ist, wenn sich eine Frau als Mitglied eines bestimmten Kreises von Menschen fühlt und sich für deren Rechte einsetzt. Ihre Handlungen bestimmten ihre Identität. Ihre „Art“ weicht vielleicht davon ab, was viele als ihre „Race“ verstehen – doch das sollte kein Hindernis sein, sich für die Belange der Gleichberechtigung einzusetzen.



[1] https://www.freitag.de/autoren/luisahommerich/die-grenzen-der-identitaet
[2] Zur kurzen Übersicht reicht hier ein Blick in die Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Intersexualität
[3] Man möge mir das Mischen von deutschen und englischen Worten verzeihen.
[4] http://time.com/3922477/rachel-dolezal-nbc-today-black-identify/
[5] Ich werde in einem zukünftigen Essay darüber schreiben.
[6] http://www.scmp.com/sport/hong-kong/article/1819397/colour-doesnt-matter-hong-kong-players-dismiss-chinas-black-yellow
[7] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/buchkritik-alice-goffmans-studie-on-the-run-13509800.html